• 01.01.2012, 18:30:04
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"Die Presse" - Leitartikel: Hoffentlich bleibt Herr Alex wenigstens bei Herrn Niko, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 02.01.2012

Wien (OTS) - Alexander Wrabetz geht nicht ganz entspannt in seine
zweite Amtszeit. Selbst schuld: Keine Idee haben und zu feig sein, zu
ihr zu stehen, ist ein bisserl viel.

Die ersten Wochen des neuen Jahres werden für den alten und neuen
Generaldirektor juristisch interessant. Am heutigen Montag hätte
eigentlich sein neuer Büroleiter Nikolaus Pelinka beginnen sollen.
Allerdings läuft die Ausschreibung des Postens, die aus Gründen der
Effizienz erst nach der Bekanntgabe des Ergebnisses erfolgt ist,
noch. Arbeitsrechtsexperten werden vermutlich gerade ein paar nicht
uninteressante Fragen klären: Ist die öffentliche Bekanntgabe der
neuen Funktion von Herrn Pelinka ein konkludenter Dienstvertrag,
dessen Erfüllung Pelinka einklagen könnte? Ist Herr Pelinka noch
Stiftungsrat? Oder sogar wieder? Hat er oder hätte er mit der
Bekanntgabe seiner aktiven ORF-Funktion das Stiftungsratsmandat
zurücklegen müssen? Oder wurde er gleichzeitig in den Betriebsrat
gewählt, sodass er seinen Sitz im Stiftungsrat behalten kann?
Alles nicht sehr lustig, das. Aber Alexander Wrabetz hat es so
gewollt. Der eher nach Harmonie strebende Generaldirektor des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks beklagt sich immer wieder darüber,
dass er in seiner Funktion wie ein Politiker behandelt werde. Würde
er ja nicht, wenn er nicht wie ein Politiker, und zwar wie ein
österreichischer Politiker, agierte. Wer sich mit Hunden ins Bett
legt, sagt das alte Sprichwort, sollte sich nicht wundern, wenn er
mit Flöhen aufwacht.
Interessant bleibt aber auch die inhaltliche Position der Redakteure,
die gegen die Bestellung von Nikolaus Pelinka protestieren und
notfalls rechtliche Schritte ergreifen wollen. Vor allem wenn man
weiß, dass Herr Wrabetz seit dem Rauswurf von Elmar Oberhauser bis
zum 31. Dezember auch Informationsdirektor und damit direkter
Linienvorgesetzter aller Journalistinnen und Journalisten des Hauses
war. Oder sogar noch ist, denn Alexander Wrabetz hat nie ein
Geheimnis daraus gemacht, dass er die neue Struktur seines
Direktoriums dazu nutzen will, inhaltlich im Geschäft zu bleiben:
Kathrin Zechner soll nach Wrabetz' Vorstellung als Fernsehdirektorin
nicht entscheidend mehr Kompetenzen haben als zuletzt Wolfgang
Lorenz, also die Fernsehunterhaltung.
Nachdem man ausschließen kann, dass die immer topinformierten
Fernsehstars all das nicht wissen: Warum haben sie nie öffentlichen
Protest dagegen erhoben, dass der Informationsdirektor des ORF, dem
der Fernsehchefredakteur direkt in der Linie zugeordnet ist, all die
politischen Geschäfte gemacht hat, die er eben gemacht hat, um seine
Wiederwahl zu sichern? Warum haben sie nicht öffentlich Klarheit
darüber eingefordert, welche konkreten Auswirkungen die neue,
politisch ausverhandelte Struktur für den Informationsbereich haben
würde?
Und wie steht es mit Frau Zechner? Hat die kein Problem, von Herrn
Alex als simple Unterhaltungschefin abgespeist zu werden, weil ihr
der pompöse Titel Fernsehdirektorin auch ohne Kompetenzen recht ist?
Falls nicht, was hat eigentlich Frau Zechner für Vorstellungen davon,
wie ein öffentlich-rechtlicher Sender mit zwei Vollprogrammen
heutzutage Information und Unterhaltung auszubalancieren hätte? Hat
ihr der Herr Generaldirektor dazu irgendetwas sagen können, als er
sie zur Wahl vorschlug?
Man kann das ausschließen. Da ist nichts. So schaut das aus, wenn man
an der Spitze eines Unternehmens steht und inhaltlich genau keine
andere Vorstellung hat als die, dortzubleiben, koste es, was es wolle
- personell, strukturell und intellektuell.

Für Alexander Wrabetz ist jetzt Zahltag. Der junge Herr Pelinka hätte
gern das, was man ihm versprochen hat: einen Spitzenjob als
Gegenleistung für den Spitzenjob von Herrn Wrabetz. Man kann nur
hoffen, dass Herr Alex wenigstens die Cojones hat, bei seiner
Entscheidung zu bleiben. Schlimm genug, wenn er jemanden, der
ungefähr so denkt wie Laura Rudas, braucht, um sich in der Welt zu
orientieren. Wenn er jetzt auch noch zu feig ist, sein Versprechen
einzuhalten und zu seiner jugendlichen Politprothese zu stehen, muss
er damit rechnen, dass ihn auch die ORF-Portiere nicht mehr grüßen,
weil sie ihn so verachten. Dass einen Büroleiter der Chef und nicht
die Gender-Beauftragte aussuchen sollte, versteht ja vielleicht sogar
die Wohlmeinendenkommune auf dem Küniglberg.

Rückfragehinweis:
chefvomdienst@diepresse.com

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