Diakonie: was 2012 kommt, was kommen soll und was kommen muss

2012: Jahr des Handelns: Pflegefonds, Jugendwohlfahrt, Schulsozialarbeit, Frühe Hilfen, Gesundheitsberufe, Hilfsmittel für Behinderte, Vollzugsreform Mindestsicherung

Wien (OTS) - "Im Jahr 2012 kommt die Verschärfung der Pflegelücken, eine höhere Jugendarbeitslosigkeit und weiter schwierige Lebensbedingungen für Menschen mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen", prognostiziert der Sozialexperte der Diakonie, Martin Schenk, für das kommende Jahr. "Was 2012 kommen soll ist die Ausarbeitung eines Pflegefonds, der Beschluss eines Jugendwohlfahrtsgesetzes und die Debatte über Reformen in der Schule", so Schenk. "Was kommen muss ist ein flächendeckender Ausbau von schulunterstützender Sozialarbeit und Massnahmen an den Schnittstellen zwischen Schule und offener Jugendarbeit. Was kommen muss ist die Investition in frühe Hilfen für Kinder am Anfang, von Geburt an bis in die Kleinkinderjahre. Was kommen muss sind assistierende Technologien und Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen. Was kommen muss ist die bessere Verbindung von medizinischem und sozialen Sektor, die Aufwertung und Schaffung integrierter Gesundheitsberufe. Was kommen muss ist ein bürgerfreundlicher und grundrechtsorientierter Vollzug in der Mindestsicherung."

Die Pflegelücke und der Pflegefonds

2012 wird von Regierung und Bundesländern am Pflegefonds gearbeitet. Die Pflegelücke muss geschlossen werden. Jetzt geht es um den Ausbau von Dienstleistungen, auf die ein Rechtsanspruch besteht und die die Familien entlasten: von Besuchsdiensten über Teilzeitbetreuung bis zur Übergangspflege, Tageszentren, betreutes Wohnen etc. Das bringt Vorteile für alle: sowohl volkswirtschaftlich, weil Jobs entstehen, als auch sozialpolitisch, weil Lücken geschlossen werden, sowie auch familienpolitisch, weil mehr soziale Dienstleistungen im Haushalt erfolgen und Betreuung mit Beruf und Familie besser vereinbart werden kann. Es gibt eine Pflegelücke, es gibt aber auch Modelle, sie zu schließen. Wir brauchen ein Pflegenetz, das die Belastungen trägt.

Jugendwohlfahrtsgesetz und schulunterstützende Sozialarbeit

Wir arbeiten in der österreichischen Jugendwohlfahrt noch immer mit neun unterschiedlichen Gesetzen, neun unterschiedlichen Qualitätsstandards und neun unterschiedlichen Kategorisierungen von sozialen Dienstleistungen. Eine Vereinheitlichung der Gesetzgebung ist überfällig, und wird von ExpertInnen immer wieder gefordert. Notwendig wäre ein flächendeckender Ausbau von schulunterstützender Sozialarbeit und Massnahmen an den Schnittstellen zwischen Schule und offener Jugendarbeit. Sinnvoll wäre ein Aktionsplan, der Bildungsministerium, Sozialministerium, Wirtschaftsministerium und Jugendagenden zusammenbringt. Es geht darum, die Schnittstellen zwischen Schule, sozialer Arbeit und Ausbildung zu sichten und zu verbinden.

Hilfsmitelkatalog: Menschen mit Behinderungen

Mit Assistierenden Technologien können Menschen mit Behinderungen einen Computer nutzen, einer Arbeit nachgehen und soziale Kontakte pflegen - also ein selbst bestimmtes Leben führen. Rund 63.000 Menschen mit Beeinträchtigungen der Lautsprache sind in ihrem Kommunikationsverhalten von ihren 190.000 Angehörigen abhängig. Die Organisations- und Finanzierungswege, um entsprechende technische Hilfsmittel zu bekommen, sind sehr langwierig, da unterschiedliche Stellen (Bund, Länder und Sozialversicherungsträger) zuständig sind. Ein Rechtsanspruch auf Geräte wie z.B. eine Augensteuerung oder Computer-Tastaturen mit größeren Tasten, sowie angepasste Abläufe in der Inanspruchnahme könnten vielen Menschen mühsame Wege ersparen. Und es wird klargestellt: Niemand ist sprachlos.

Frühe Hilfen

Das Alter vor sechs Jahren birgt große Chancen, Kinder spielerisch und individuell zu fördern. Eine integrative Pädagogik ist in dieser Phase ein schützender und stärkender Faktor für das Selbstbewusstsein der Kinder. Und hilft, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zu entfalten. Ein guter Start in den ersten Wochen, Monaten und Jahren ist wichtig. Ziel ist es dabei, Eltern so früh wie möglich umfassend bei der Aufgabe zu unterstützen, ihre Kinder gut und verlässlich zu versorgen, und eine sichere wie liebevolle Bindung zu ihnen aufzubauen. Aus der Forschung wissen wir, wie wichtig für die Entwicklung des Kindes die Frühphase des Lebens ist. Die Betreuung rund um die so bedeutende Zeit von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett weist aber in Österreich deutliche Lücken auf; besonders für Familien mit weniger Einkommen ist eine gute Begleitung oft nicht leistbar. Österreich hat enormen Aufholbedarf was gute und leistbare Betreuung für Mutter/Vater und Kind in den ersten Jahren betrifft.

Gesundheitsberufe: Integration von Cure and Care Sektor

Was 2012 endlich angegangen werden soll: Medizin- und Sozialsystems müssen besser integriert werden, die Trennung zwischen dem ärztlichen Cure-Bereich und dem sozial-pflegerischen Care-Sektor muss überwunden werden. Diese einander in Finanzierung und Organisation gegenüberstehenden Systeme verhindern gute integrierte Lösungen für alle. Das betrifft Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige und Frauen/Kinder rund um die Geburt.
Bsp. Behinderung: Um eine alltagsnahe Pflege zu ermöglichen und die Hospitalisierung von Menschen mit schwersten Behinderungen zu vermeiden, braucht es pflegerische und soziale Kompetenzen in betreutem Wohnen. Bsp Pflege: Wird im Krankenhaus noch auf hohem Niveau für uns gesorgt, sind wir, gelten wir als "austherapiert", auf uns allein gestellt. Die pflegerische und soziale Betreuung ist unterfinanziert. Rund um Schwangerschaft und Geburt ist es ähnlich:
Die medizinische Betreuung ist ausreichend finanziert, anderes Gesundheitshandeln wie Hebammendienste oder Wochenbettpflege, das in den care und sozialen Bereich geht, ist nicht abgedeckt. Mit den Folgen, dass es diese Hilfen zu wenig gibt oder sie für die Betroffenen nicht leistbar sind.

Rückfragen & Kontakt:

Diakonie Österreich, Dr. Roberta Rastl-Kircher
Tel.: 01/ 409 80 01 , Mobil: 0664/ 314 93 95
oder 0664/ 544 55 54 (Sozialexperte Mag. Martin Schenk)

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