"Kleine Zeitung" Kommentar: "Dauerschuldner müssen sich warm anziehen" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 17.12.2011

Graz (OTS) - Stürmisch wie das Wetter sind die Aussichten der Weltwirtschaft: Im kommenden Jahr werden Europas Staaten und Banken die unvorstellbare Summe von zweitausend Milliarden Euro brauchen, um fällige Altschulden durch neue zu ersetzen, laufende Defizite zu finanzieren und das Eigenkapital der Banken auf ein solides Niveau zu bringen.

Man wird also an allen Ecken und Enden vertrauensselige Gläubiger brauchen. Geld an sich gäbe es zwar genug - es liegt in privaten Händen der institutionellen Großanleger, also etwa US-Pensionsfonds. Doch für die chronischen Schuldner wird es immer teurer, an dieses Geld heranzukommen. Die Banken trauen einander ebenso wenig über den Weg wie die Staaten. Die Rating-Agenturen tun ein Übriges, erst gestern stuften sie zahlreiche Banken in der Kreditwürdigkeit herab. Die Agentur Standard & Poor's sieht Europa in eine tiefe Rezession rutschen, wovon Exportländer wie Österreich stark betroffen wären. Und die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, zeichnet ein tiefschwarzes Zukunftsbild.

Droht also mit Jahresanfang 2012 endgültig die Wiederholung der Krise von 2008/09? Niemand kann es verlässlich sagen. Einige Pflöcke kann man aber einschlagen. Erstens: Bisher ist es gelungen, durch vorbeugende Maßnahmen der Bankenstärkung zu verhindern, dass Engpässe in der Geldbeschaffung und Kreditgewährung auf Unternehmen durchschlagen. Die "Realwirtschaft" hat daher noch nichts von der Krise gespürt. Allerdings sind die Konjunkturaussichten schlecht, dort und da ist wieder von Kurzarbeits-Modellen wie 2009 die Rede. Zweitens: Generell werden einzelne Wirtschaftsteilnehmer - seien es Staaten, Unternehmen oder Private - umso besser dastehen, je weniger Schulden sie haben und je solider sie wirtschaften. Gerade die Privathaushalte wurden jahrelang durch niedrige Kreditzinsen verwöhnt, außerdem ist der Anteil der Fremdwährungskredite mit 29 Prozent noch immer hoch. Hier schlummern beträchtliche Zinsänderungsrisiken.

Drittens: Für die Politik geht die Zeit des hemmungslosen Schuldenmachens auf jeden Fall zu Ende. Vor diesem Hintergrund ist es skurril, dass laut einer Umfrage die Österreicher ausgerechnet auf US-Präsident Barack Obama Hoffnungen setzen, er könne bei der Lösung der Euro-Krise helfen. Immerhin sind die USA höher verschuldet als viele Staaten der Welt. Jedoch: Dass die Bürger den heimischen Schuldenbeschleunigern gar nicht vertrauen, kann man ihnen nicht verdenken.****

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