- 02.12.2011, 17:00:31
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Die Europäer sind besser, als sie glauben"
Europa könnte ein Modell werden, wenn sich die EU bald besser organisiert.
Wien (OTS) - Wien ist die Großstadt mit der höchsten
Lebensqualität auf der ganzen Erde, bestätigt eine aktuelle Studie.
Unter den Top Ten befinden sich nur zwei Städte, die nicht in
Europa liegen: Auckland in Neuseeland und das kanadische Vancouver.
Europa hat auch ein Gesellschaftsmodell, das besser funktioniert,
als jedes andere, das je ausprobiert wurde. Der Ausgleich zwischen
den Interessen wird durch die parlamentarische Demokratie und
unterschiedlich ausgeprägte Formen von Sozialpartnerschaft erreicht,
bei allen Schwächen, die wir oft beklagen, aber immerhin. Nur bei
der Innovationskraft hinken wir hinter dynamischen Wirtschaftsräumen
her, aber den Anschluss haben wir noch nicht verloren.
Wie kann da dauernd vom Ende des Euro, vom Zerfall der
Europäischen Union die Rede sein? Die USA sind um vieles höher
verschuldet, China fürchtet eine Bankenkrise und alle neu
entstehenden Wirtschaftsmächte, von der Türkei über Indien bis China
und Brasilien, haben noch kein Modell für einen gesellschaftlichen
Ausgleich gefunden.
Die EU hat die relativ niedrigere Verschuldung als die USA. Warum
spekulieren wir nicht über das Ende des Dollars? Sein ökonomisches
Genie hat US-Präsident Barack Obama bisher erfolgreich verborgen, an
mögliche Nachfolger aus der republikanischen Partei wollen wir
vorerst gar nicht denken, die nehmen gerade Nachhilfestunden in
Geschichte und Geografie.
Die Europäer sollten endlich begreifen, dass sie in der
globalisierten Welt einig auftreten müssen. Es ist geradezu ein
historischer Treppenwitz, dass weithin geschmähte, amerikanisch
dominierte Ratingagenturen durch ihr umstrittenes Wirken die EU zu
ihrem Glück zwingen. Jetzt kommt zwangsweise der nächste, absolut
notwendige Schritt der europäischen Integration.
Beim EU-Gipfel in der kommenden Woche werden die Regierungschefs
noch keine konkreten Vorstellungen über eine Veränderung der Verträge
vorschlagen können. Aber Angela Merkel und Werner Faymann sind sich
einig, dass eine Fiskalunion mit Durchgriffsrechten der Kommission
kommen wird. Das bedeutet, dass zwar jedes Land weiterhin seinen
eigenen Haushalt haben wird, aber mögliche Budgetsünder bevormundet
werden können. So bekommt die gemeinsame Währung endlich die
Grundlage, die sie von Anfang an gebraucht hätte. Aber besser jetzt
als gar nicht.
Auch die Rolle der EZB wird sich wandeln, gemeinsame Eurobonds
werden kommen. Und wenn Vizekanzler Spindelegger auf Kommissar und
Veto verzichten will, sind auch das richtige Signale.
Die Geschichte der europäischen Einigung gleicht dem Aufstieg
eines Kleinkindes auf einen steilen Berg. Ziemlich patschert, ständig
raunzend, mit blutigen Knien, aber am Ende effizient.
Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601
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