ELGA: Teure Daten - medizinisch wertlos

Was PatientInnen und ÄrztInnen wirklich brauchen

Wien (OTS) - Während die Bundesgesundheitskommission den einstimmigen Beschluss zum Ausbau der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) feiert, formieren sich die HausärztInnen zu einer geschlossenen Front gegen ELGA. Die digitale Datensammlung ist medizinisch wertlos und behindert die ärztliche Versorgung der Bevölkerung.
Mit ihrem "Nein" zu ELGA hat sich die österreichische Ärzteschaft zumindest bei den ELGA-Befürwortern das Image der Fortschritts-Verweigerer eingehandelt. In der Öffentlichkeit wird versucht, das Thema auf ein Datenschutz-Problem zu reduzieren, das einfach durch entsprechende Software und Gesetze zu bereinigen wäre. - Dem ist nicht so.

Es wird so getan, als hätten die Ärzte/innen ohne ELGA keine Ahnung über den Gesundheitszustand ihrer Patienten. In Wirklichkeit gibt es seit Jahren ein gut funktionierendes System "MedicalNet", über das der behandelnde Arzt/Ärztin aktuelle Befunde eines Patienten schnell abrufen kann. Dieses System ist eine so genannte "gerichtete Datenübertragung". Die Daten können ausschließlich vom behandelnden Arzt mittels eines einmaligen Codes abgerufen werden. In diesem System sind beispielsweise alle Labors, Radiologen, aber auch Spitäler wie z.B. das SMZ Ost eingebunden. Eine Erweiterung wäre (fast) ohne Aufwand möglich, allerdings gibt es in vielen Spitälern nicht einmal intern funktionierende Strukturen. Im Gegensatz dazu ist das System ELGA eine "ungerichtete Datenübertragung". Das heißt: Eine Vielzahl von Personen hat Zugriff auf die Daten. Das ist ein Thema des Datenschutzes.

Aus medizinischer Sicht stellt sich ein anderes Problem. Angesichts der nicht überschaubaren Menge an Zugriffsberechtigten im System ELGA wird den Patienten freigestellt, welche ihrer Befunde abrufbar sein sollen. Damit werden die Daten für Ärzte/innen irrelevant. Es bringt gar nichts, wenn ein/e behandelnde/r Arzt/Ärztin einen jahrelang zurückliegenden Befund einer Lungenentzündung aufstöbert, aber keine Information über die HIV-Infektion des Patienten erhält, weil er diese nicht vermerkt haben will. Nach Ansicht der Hausärzte/innen kann man sich an drei Fingern ausrechnen, dass vor allem Risikogruppen wie HIV-Infizierte, Drogenabhängige, aber auch chronisch Kranke, die auf Jobsuche sind , Versicherungen abschließen wollen oder um Kredite ansuchen, die Einsicht in ihre relevanten Befunde untersagen werden.

"Machen wir uns nichts vor", bringt es der Präsident des ÖHV Wien auf den Punkt, "ein Patientenakt ist ein Akt über den Patienten und nicht von dem Patienten. Alles andere ist medizinisch wertlos". Und in einem Patientenakt werden grundsätzlich nur negative Dinge stehen:
Wann er krank war, welche Krankheit er hat, seit wann er wie viele und welche Medikamente einnimmt, etc.

Speziell die Medikamenteneinnahme ist nach den Erfahrungen der Hausärzte(innen) ein heikles Thema. Auch wenn in den Befunden eine genaue Auflistung der verordneten Medikamente steht, heißt das noch lange nicht, dass sie auch eingenommen werden. Auf Nachfragen von Hausärzten/innen gestehen viele Patienten, dass sie es mit der Einnahme nicht so genau nehmen und oft verordnete Medikamente gar nicht einnehmen, weil sie sich z.B. vor möglichen Nebenwirkungen laut Beipacktext fürchten.

Das Märchen von den Doppelbefundungen

Immer wieder wird von ELGA-Befürwortern argumentiert, dass sich mit diesem System eine Unzahl von Doppelbefundungen verhindern und damit erhebliche Kosten im Gesundheitswesen einsparen lassen. Der gravierende Schönheitsfehler an dieser Behauptung: Es gibt keine verlässlichen Daten über Art und Anzahl der angeblichen Doppelbefundungen. Die einzige aktuelle Studie zu diesem Thema stammt von der Fachgruppe Radiologie. Das Ergebnis: Insgesamt waren rund zehn Prozent der radiologischen Untersuchungen verdächtig, Doppelbefunde zu sein (z.B. zwei gleiche Röntgenaufnahmen bei einem Patienten innerhalb von zwei Wochen). Eine genauere Betrachtung zeigte, dass 90 Prozent der verdächtigen Untersuchungen notwendige Kontrolluntersuchungen waren. Der Anteil "echter" Doppelbefunde war unterm Strich mit einem Prozent marginal. "Selbst wenn alle diese Doppelbefunde vermieden werden könnten, was in der Praxis nicht der Fall sein wird, würde das System ELGA wesentlich mehr kosten als es an Einsparungen bringt", so der Wiener ÖHV-Präsident Werner.

Wie funktioniert ELGA in der Praxis

Die stereotyp verheißenen Wunderwirkungen von ELGA klingen gut:
Auf Knopfdruck hat jede/r Arzt/Ärztin alle Befunde, verordnete Medikamente und Therapien eines Patienten auf dem Tisch, kann sich und dem Patienten damit einige Untersuchungen ersparen und braucht nur mehr die optimale Behandlung durchführen. Und niemand sonst erfährt davon, wenn es der Patient nicht will.
Die Praxis sieht freilich anders aus. ELGA wird den Patienten Behandlungszeit stehlen. Selbst wenn die Abfrage von Befunden über ELGA nur eine Minute pro Patient in Anspruch nimmt, bedeutet das in einer Praxis eines/r Allgemeinmediziners/in bei durchschnittlich 100 Patienten pro Tag einen Mehraufwand von 11/2 bis 2 Stunden, der zwangsweise zu Lasten der Zeit für Patienten aufgeht.

Die Hausärzte/innen können es sich nicht leisten, Hunderttausende Befunde ihrer Patienten nicht zu durchstöbern. Denn in einem System wie ELGA kann man theoretisch alles finden. Übersieht ein/e Arzt/Ärztin möglicherweise eine vor vielen Jahren einmal festgestellt Allergie und es treten daher Nebenwirkungen eines verordneten Medikamentes auf, wird mit Sicherheit der/die Arzt/Ärztin haftbar gemacht. - Er/sie hätte es ja theoretisch dank ELGA wissen müssen.

Um sich eine Vorstellung von dem Aufwand zu machen: Allein in Österreich werden pro Jahr rund 100 Millionen Befunde erstellt. Diese müssen nicht nur in das System ELGA eingespeist werden (und wenn der Patient will, auch wieder ausgetragen werden), sondern auch vor jeder Behandlung abgerufen werden. Da die Daten im System ELGA nicht zentral gespeichert werden, sondern dort aufliegen, wo die Befunde erstellt wurden, heißt das in der Praxis, dass bei einem etwa 50- bis 60-jährigen Patienten Befunde von ungefähr ebenso vielen Stellen eingesammelt werden müssen. "Das ist rein physisch nicht zu schaffen", so Werner.

Nicht zuletzt bedeutet ELGA die Aussetzung des Datenschutzes und damit die Aufhebung des Arztgeheimnisses. Denn de facto ist nach derzeitigem Stand der Dinge die Schar der Zugriffsberechtigten - alle Gesundheitsdienste-Anbieter außer Dentisten - unüberschaubar. Beteuerungen, dass etwa Betriebsärzte/-ärztinnen keinen zugriff auf Patientendaten von Jobbewerbern hätten, sind höchst unglaubwürdig. Denn sie sind nun mal Ärzte/Ärztinnen, die prinzipiell berechtigt sind, die Daten abzurufen.

Völlige Unklarheit herrscht auch, was die Kosten für das ELGA-System betrifft. Befürworter sprechen von 150 bis 300 Mio. Euro. Die Ärztekammer schätzte kürzlich 400 Mio. Euro. Andere Schätzungen belaufen sich auf bis zu vier Mrd. Euro. In Deutschland wurde das ELGA-Projekt abgeblasen, weil es mehr als 14 Mrd. Euro verschlungen hätte. Vergleicht man diese Summen mit den "lächerlichen" sieben Millionen, die im AKH eingespart werden sollen und deswegen Ärzte/ÄrztInnen wie Patienten auf die Barrikaden steigen lässt, ist es offensichtlich, dass das Geld wesentlich sinnvoller zum Wohle der Patienten und Ärzte/Ärztinnen eingesetzt werden kann.

Es rumort in der Ärzteschaft

Erst gestern, Mittwoch, hat die NÖ Ärztekammer den Präsidenten der Österreichischen (und auch Wiener) Ärztekammer, Dr. Walter Dorner, zum Rücktritt aufgefordert, weil er in der Bundesgesundheitskommission grundsätzlich für das Projekt ELGA stimmte. Kommende Woche findet die Vollversammlung in der Wiener Ärztekammer statt, und man darf gespannt sein, wie sich die Ärzteschaft in der Bundeshauptstadt zu dem Thema artikuliert. Die Position des Hausärzteverbandes ist ein "Nein" zu ELGA, aber ein "Ja" zu Gesprächen über Alternativen.

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Hausärzteverband Wien
MR.Dr. WERNER Wolfgang
Präsident ÖHV-Wien
E-mail: dr.w.werner@speed.at

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Mobil: 0664/1035421
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