- 30.11.2011, 18:12:07
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Die Presse - Leitartikel: "Das Euro-Endspiel gewinnt ungeheuer an Dramatik", von Josef Urschitz
Ausgabe vom 01.12.2011
Wien (OTS) - Die Notenbanken versuchen, den Euro-Flächenbrand mit
Fluten an "frisch gedrucktem" Geld zu löschen. Das wird uns eine
heftige Inflation bescheren.
Die weltgrößten Notenbanken schütten in einer global konzertierten
Aktion Liquidität in den Mark, um ein Austrocknen des
Weltfinanzsystems zu verhindern. Gleichzeitig erodiert in der
Eurozone der Widerstand gegen eine direkte Finanzierung der Staaten
durch die europäische Zentralbank: Das "Endspiel um den Euro" gewinnt
ungeheuer an Dramatik.
Was sich jetzt abspielt, wird einen unmittelbaren Zusammenbruch des
Euro verhindern. Aber es läuft auf einen Staatsschuldenabbau per
Inflation hinaus. Direkte Staatsfinanzierung über die Notenpresse hat
in der Geschichte immer mit hoher Inflation geendet. Es wird auch
diesmal nicht anders sein.
Die Frage ist, ob es überhaupt noch Alternativen gibt. In den
vergangenen Tagen und Wochen haben sich ja die Alarmzeichen gehäuft:
Die Renditen der meisten Eurostaatsanleihen sind stark gestiegen (was
die Lage der hoch verschuldeten Länder dramatisch verschärft),
internationale Großinvestoren haben sich reihenweise aus dem
europäischen Anleihemarkt verabschiedet, selbst Deutschland ist auf
einer Anleihe teilweise sitzen geblieben.
Mit anderen Worten: Niemand, nicht einmal die großen europäischen
Kapitalsammelstellen, will europäischen Staaten noch Geld leihen.
Schon jetzt ist also die Europäische Zentralbank (EZB) letzter Retter
in der Not. Die Euro-Stabilitätshüter sitzen (genau genommen in
Verletzung ihrer eigenen Statuten) bereits auf Euroanleihen im Wert
von mehr als 200 Milliarden Euro.
Bisher war das kein Problem: Gekauft wurde ausschließlich auf dem
Sekundärmarkt, das auf diese Weise in den Kreislauf gepumpte Geld,
das lehrbuchgemäß die Inflation anheizen müsste, wurde bei den Banken
wieder "eingesammelt". Diese "Immunisierung" funktioniert freilich
nicht mehr: Am Dienstag dieser Woche hat die EZB bei dem Versuch,
203,5 Milliarden "einzusammeln", nur 194,2 Milliarden "bekommen".
Etwas mehr als neun Milliarden sind also im Kreislauf geblieben.
Das ist in Relation zu der umlaufenden Geldmenge natürlich ein
Klacks. Aber es ist ein Anfang, von dem viele Beobachter glauben,
dass er gewollt war: Die EZB habe absichtlich zu mickrige Zinsen
(0,62 Prozent) geboten, um einmal die Reaktionen auszutesten. Wenn
das stimmt, dann bahnt sich unter dem neuen EZB-Chef Draghi eine
deutliche Änderung der Stabilitätspolitik an.
Das Feld dafür wird bereits aufbereitet: Immer mehr europäische
Politiker und Wirtschaftsforscher (auch deutsche übrigens) glauben,
dass der Euro-Zusammenbruch nur noch abzuwenden ist, wenn die EZB
sozusagen unbegrenztes Gelddrucken verspricht (wie es die Notenbanken
der USA und Großbritanniens übrigens schon praktizieren).
Alles andere hat sich als unwirksam erwiesen: Rettungsschirme, die
irgendwann im kommenden Jahr effektiv werden oder unausgegorene
Schuldenbremsen, auf die man frühestens 2017 treten kann, helfen gar
nichts, wenn jetzt und heute niemand mehr Eurostaaten zu vernünftigen
Konditionen finanziert.
Mit anderen Worten: Die Laviererei der Eurozonen-Politiker hat die
gesamte Eurozone aller Sanierungsalternativen beraubt. Jetzt hilft
offenbar wirklich nur noch die EZB-"Bazooka".
Ob einen das freut oder nicht, ob man es für sinnvoll hält oder
nicht: Die EZB wird wohl zum "lender of last resort" werden und die
Gelddruckmaschinen anwerfen. Wir werden Eurobonds bekommen, und die
EU-Verträge werden, ohne die Wähler lange zu fragen, in Richtung
Zentralstaat geändert werden.
Ob das die Rettung ist, wissen wir noch nicht. Was wir wissen, ist,
dass wir die Rettung wohl mit sehr hohen Inflationsraten werden
erkaufen müssen. Angesichts der wirtschaftlichen Stagnation ist die
EU-Inflation mit drei Prozent ja schon jetzt mörderisch hoch. In
Österreich wegen der Steuer- und Gebührenorgien von Bund, Ländern und
Gemeinden sogar noch ein paar Zehntelprozentpunkte höher.
Hoffen wir, dass bei alledem zumindest Nägel mit Köpfen gemacht
werden und die Notenbank keine Hyperinflation entstehen lässt. Denn
die "Rettung" des Euro hilft gar nichts, wenn er dann nichts mehr
wert ist.
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