• 23.11.2011, 19:51:07
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Barrosos fauler Finanzzauber" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 24.11.2011

Graz (OTS) - Lauscht man den hymnischen Lobgesängen führender
Europapolitiker auf die Eurobonds, könnte man den Eindruck gewinnen,
hier sei wieder einmal der Stein der Weisen gefunden worden.

Die Idee, unedle Metalle wie Blei durch Zugabe einer geheimnisvollen
Substanz in Gold zu verwandeln, ist ein uralter Traum, fast so alt
wie die Menschheit selber. Schon die antiken Griechen fantasierten
davon und später dann ein gewisser Theophrastus Bombastus von
Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus.

"Aus nichts wird nichts", ließ schon Shakespeare seinen König Lear
über den Stein der Weisen spotten. Das hindert
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso nicht daran, auf der
bisher vergeblichen Suche nach der Wunderwaffe gegen die Krise den
nächsten, allerdings schon etwas abgestandenen alchemistischen
Zaubertrank zu kredenzen.

Was er und seinesgleichen bis jetzt nicht zuwege brachten, nämlich
glaubwürdig die Eurokrise zu lösen, soll nun eine radikale
Vergemeinschaftung aller Schulden richten.

Mit gemeinsamen Schuldenpapieren sollen die Euroländer den Druck der
Märkte von der Währungsunion nehmen _ und das so rasch als möglich.

Über die gemeinsame Haftung könnten Schlingerstaaten wie
Griechenland, Portugal, Italien und Spanien von der ausgezeichneten
Bonität von Ländern wie Deutschland, Österreich und Luxemburg zehren
und sich zu viel günstigeren Konditionen als für die eigenen
Schrottanleihen an den Märkten Geld beschaffen.

"Stabilitätsanleihen" nennt Barroso seine Wunderbonds. Ein Schelm,
wer Böses dabei denkt. Die einzige Stabilität, die damit gewonnen
würde, wäre, dass die Prasserei der öffentlichen Hand munter
weiterginge, die die Eurozone an den Rand des Abgrunds gebracht hat.
Der Druck auf Länder wie Italien, sich aus eigener Kraft und mit
strukturellen Reformen aus dem Schuldenmorast zu ziehen, wäre dahin.

Und perdu wären wohl auch die niedrigeren Zinsraten, mit denen die
solider wirtschaftenden Länder bis jetzt für ihre Staatsanleihen
belohnt wurden. Allein auf Österreich kämen Mehrkosten in der Höhe
von mehreren Milliarden Euro im Jahr zu - Geld, das anderswo
eingespart werden müsste.

Wahr ist: Europa wird sein existenzielles Schuldenproblem nur über
eine neue Stabilitätskultur lösen können. Der Weg dorthin führt durch
ein Tal der Tränen, an dessen Ende eines fernen Tages Eurobonds
stehen könnten. Wer anderes behauptet, gaukelt sich selbst und
Europas Bürgern etwas vor.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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