"Kleine Zeitung" Kommentar: "Barrosos fauler Finanzzauber" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 24.11.2011

Graz (OTS) - Lauscht man den hymnischen Lobgesängen führender Europapolitiker auf die Eurobonds, könnte man den Eindruck gewinnen, hier sei wieder einmal der Stein der Weisen gefunden worden.

Die Idee, unedle Metalle wie Blei durch Zugabe einer geheimnisvollen Substanz in Gold zu verwandeln, ist ein uralter Traum, fast so alt wie die Menschheit selber. Schon die antiken Griechen fantasierten davon und später dann ein gewisser Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus.

"Aus nichts wird nichts", ließ schon Shakespeare seinen König Lear über den Stein der Weisen spotten. Das hindert EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso nicht daran, auf der bisher vergeblichen Suche nach der Wunderwaffe gegen die Krise den nächsten, allerdings schon etwas abgestandenen alchemistischen Zaubertrank zu kredenzen.

Was er und seinesgleichen bis jetzt nicht zuwege brachten, nämlich glaubwürdig die Eurokrise zu lösen, soll nun eine radikale Vergemeinschaftung aller Schulden richten.

Mit gemeinsamen Schuldenpapieren sollen die Euroländer den Druck der Märkte von der Währungsunion nehmen _ und das so rasch als möglich.

Über die gemeinsame Haftung könnten Schlingerstaaten wie Griechenland, Portugal, Italien und Spanien von der ausgezeichneten Bonität von Ländern wie Deutschland, Österreich und Luxemburg zehren und sich zu viel günstigeren Konditionen als für die eigenen Schrottanleihen an den Märkten Geld beschaffen.

"Stabilitätsanleihen" nennt Barroso seine Wunderbonds. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die einzige Stabilität, die damit gewonnen würde, wäre, dass die Prasserei der öffentlichen Hand munter weiterginge, die die Eurozone an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Der Druck auf Länder wie Italien, sich aus eigener Kraft und mit strukturellen Reformen aus dem Schuldenmorast zu ziehen, wäre dahin.

Und perdu wären wohl auch die niedrigeren Zinsraten, mit denen die solider wirtschaftenden Länder bis jetzt für ihre Staatsanleihen belohnt wurden. Allein auf Österreich kämen Mehrkosten in der Höhe von mehreren Milliarden Euro im Jahr zu - Geld, das anderswo eingespart werden müsste.

Wahr ist: Europa wird sein existenzielles Schuldenproblem nur über eine neue Stabilitätskultur lösen können. Der Weg dorthin führt durch ein Tal der Tränen, an dessen Ende eines fernen Tages Eurobonds stehen könnten. Wer anderes behauptet, gaukelt sich selbst und Europas Bürgern etwas vor.****

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