• 23.11.2011, 18:33:46
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Öffentlichkeit für Neonazis?"

Ausgabe vom 24. November 2011

Wien (OTS) - Es gibt leichtere Fragen zu beantworten als diejenige
nach dem richtigen Umgang mit bekennenden Rechtsradikalen und
Nationalsozialisten, egal ob neuer oder alter Prägung. Soll man
diesen vor der Öffentlichkeit das Wort erteilen? Oder das Verfahren
hinter verschlossenen Türen führen, auf dass keine Plattform für
menschenverachtende Parolen geschaffen wird?

Es geht also im Kern um die Frage: Wie viel Öffentlichkeit ist in der
direkten Auseinandersetzung mit Rechtsextremen zumutbar? Ein Konsens
darüber ist nicht in Sicht. Das Thema wird auch die deutsche Justiz
bei der Aufarbeitung der Neonazi-Morde beschäftigen.

Im Fall des Anders Behring Breivik, der im Juli 77 Menschen
kaltblütig ermordete, versuchte die norwegische Justiz zuerst, dem
Täter jegliche Möglichkeit zur öffentlichen Stellungnahme zu
entziehen. Erst der Oberste Gerichtshof verfügte, dass die
Verhandlung über den Verbleib Breiviks in Isolationshaft öffentlich
geführt werden muss. Entsprechend waren krude
Selbststilisierungsversuche des Attentäters der Art "Ich bin
Kommandeur im norwegischen Widerstand" nicht zu verhindern. Die im
Gerichtssaal anwesenden überlebenden Opfer mussten es erdulden.

Wäre es besser gewesen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu
verhandeln? Vielleicht, die Öffentlichkeit hätte der Täter aber auf
jeden Fall mit seiner Version der Geschichte erreicht. Das beweisen
die von den Medien veröffentlichten, eigentlich streng vertraulichen
Vernehmungsprotokolle, die vermutlich von den Anwälten Breiviks
weitergegeben wurden. Welches Medium könnte ein solches Angebot
ablehnen? Die Plattform ist dem Täter also so oder so gewiss. Ein
unbändiger Voyeurismus liegt in der Natur des Menschen.

Für die gegensätzliche Strategie einer radikalen Öffentlichkeit hat
sich Israel 1961 beim Prozess gegen den ehemaligen
SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann entschieden. Dieses Vorgehen
war damals heftig umstritten, doch es führte dazu, dass einer breiten
Öffentlichkeit die Verbrechen des Nationalsozialismus vor Augen
geführt wurden. Seit kurzem kann sich jeder, der dies will, den
gesamten Prozess via Youtube im Internet anschauen. 200 unglaubliche
Stunden lang.

Auch im Grauen kann Aufklärung wurzeln. Wer glaubt, dies seinen
Bürgern nicht zumuten zu können, misstraut ihnen. Fundamental.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
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Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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