- 07.11.2011, 10:51:17
- /
- OTS0082 OTW0082
Ein Ja zu ELGA wäre jetzt noch viel zu früh
Präsident der NÖ Ärztekammer: Erst die Rahmenbedingungen schaffen, dann über die Umsetzung der ELGA nachdenken
Wien (OTS) - Für Dr. Christoph Reisner, Präsident der NÖ
Ärztekammer, ist es noch viel zu früh, das Projekt ELGA auf Schiene
zu bringen: "So lange die elektronische Kommunikation an der Basis
noch nicht gut läuft, macht die bundesweite Vernetzung keinerlei
Sinn." Präsident Dr. Reisner erläutert: "Derzeit funktioniert die
Kommunikation im Bereich der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in
Niederösterreich flächendeckend. Im stationären Bereich gibt es
hingegen Probleme. Unterschiedliche Systeme sind mit dafür
verantwortlich, dass das Datenmanagement etwa bei Entlassungen nicht
funktioniert."
In vielen Krankenhäusern ist es technisch noch nicht einmal
möglich, Dokumente hausintern von einer Abteilung an andere
Abteilungen zu schicken. "Auch die Personalsituation trägt ihren Teil
bei. Unsere Spitalsärztinnen und -ärzte sind derartig überlastet,
dass Entlassungsbriefe teilweise erst vier Wochen nach der Entlassung
fertiggestellt werden können. Solange daher niemand an die dringend
notwendige Anpassung der Personalressourcen denkt, brauchen wir kein
aufgeblähtes EDV-Projekt zur Sammlung veralteter Daten."
Warum hat Großbritannien 15 Milliarden Euro in den Sand
gesetzt?
Aus seiner Sicht hat es daher überhaupt keinen Sinn, ein Projekt
wie ELGA zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf das bestehende, deutlich
verbesserungswürdige System aufzupfropfen. "Zum jetzigen Zeitpunkt
über ELGA zu reden, ist so wie die Einrichtung eines Wolkenkratzers
zu planen, bevor noch der Wolkenkratzer und vor allem bevor sein
Fundament geplant wurden. Dieser Zeitpunkt ist aber definitiv noch
deutlich zu früh und unpassend", so Präsident Dr. Reisner.
Wenn die verlässliche, elektronische Zusendung der Befunde und
Arztbriefe unmittelbar nach Entlassung an die Hausärztinnen und
Hausärzte eines Tages einmal funktionieren sollte, kann man aus
seiner Sicht darüber nachdenken, ob und wie man das Projekt ELGA
zweckmäßig einsetzen könnte. "Das Pilotprojekt e-medikation läuft
noch, hier sollte die Evaluierung abgewartet werden. Wir müssen aber
auch hinterfragen, warum Großbritannien 15 Milliarden Euro mit einem
ähnlichen, mittlerweile abgesagten Projekt in den Sand gesetzt hat",
verlangt der Ärztekammerpräsident.
Behauptete Datensicherheit grenzt an Verhöhnung
Völlig ungeklärt ist aus seiner Sicht die Datensicherheit: "Wenn
das österreichische ELGA-System so sicher ist, wieso wird es dann
nicht vom Pentagon verwendet? Aber abgesehen von der technischen
Datensicherheit: Von einem "sicheren System" zu sprechen, wenn
100.000 Personen Zugriffsrechte haben, grenzt an Verhöhnung der
Patientinnen und Patienten."
Und das lässt sich auch nicht durch die geplante
Opting-out-Möglichkeit verhindern: "Auch wenn ein Patient erklärt,
dass seine Daten nicht einsehbar sein sollen: Die Vertragsärzte sind
gesetzlich verpflichtet die Daten zu liefern, diese werden in jedem
Fall auch gespeichert." Völlig ungeklärt ist aus seiner Sicht auch
die Finanzierungsfrage: "Nach unseren internen Berechnungen kann es
bis zu vier Milliarden Euro pro Jahr kosten, die enormen Datenmengen
zu pflegen und so zu verarbeiten, dass sie im Sinne der Patientinnen
und Patienten auch brauchbar sind. Wenn wir das nicht machen,
entsteht ein teurer Datenfriedhof, der niemandem nützt."
Aus meiner heutigen Sicht brauchen wir ELGA eindeutig nicht
Präsident Dr. Reisner fasst zusammen: "Ich bin nicht grundsätzlich
gegen ELGA eingestellt, halte jedoch den gegenwärtigen Zeitpunkt für
viel zu früh. Wir sollten erste die Hausaufgaben machen und die
bereits bestehenden Strukturen viel besser nutzen. Danach kann man
sich überlegen, ob man mit ELGA weitere Verbesserungen erreichen
kann. Aus meiner heutigen Sicht brauchen wir ELGA eindeutig nicht.
Wenn wir dieses System zum jetzigen Zeitpunkt einsetzen, geben wir
Unsummen aus, ohne eine Verbesserung zu erreichen. Aber dafür mit
einer großen Wahrscheinlichkeit, manches sogar noch zu verschlechtern
oder zu verkomplizieren."
Am privaten Markt gibt es übrigens schon einige Firmen, die
Systeme für die Archivierung von Patientendaten anbieten. Obwohl
diese zum Teil sehr gut durchdacht sind, besteht seitens der
Patientinnen und Patienten kaum Nachfrage. "Aus meiner Sicht ist das
ein klares Signal, dass unsere Patientinnen und Patienten den
"gläsernen Patienten" mehrheitlich ablehnen."
Rückfragehinweis:
Pressestelle der Ärztekammer für Niederösterreich
Michael Dihlmann
Tel.: 0664/144 98 94
mailto:[email protected]
www.arztnoe.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | AEN






