- 04.11.2011, 16:05:31
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstaetter "Die Legitimationskrise der Fuehrung in Europa"
Politik und Wirtschaft haben keine Antwort auf die aktuelle Wirtschaftskrise.
Wien (OTS) - Peter Drucker, 1909 in Wien geboren und durch Flucht
dem Rassenwahn der Nazis entkommen, wurde in den USA zum Begründer
der modernen Managementlehre. Beim Peter-Drucker-Forum in Wien wurden
kürzlich wieder viele seiner berühmten Zitate vorgetragen. Sie haben
Gültigkeit weit über Wirtschaftsunternehmen hinaus. So meinte
Drucker, dass Organisationen nicht darauf aufbauen dürfen, von einem
Genie geleitet zu werden. Genies sind eher selten. Unternehmen
müssen auch - und gerade dann funktionieren, wenn durchschnittliche
Manager an der Spitze stehen. Womit wir bei der Europäischen Union
wären.
Die Krise der letzten Tage hat natürlich viele menschliche
Schwächen offenbart. Ein griechischer Regierungschef, der fünf Tage
nach komplizierten Verhandlungen alles auf den Kopf stellt, ist
einfach überfordert. Aber ein System, das darauf aufbaut, dass
Staaten gemeinsam Beschlüsse fassen, es aber keinerlei Möglichkeit
gibt, zu überprüfen, ob sich auch alle an das Vereinbarte halten,
kann nicht überleben. Die aktuellen EU-Verträge sind ein schlechter
Kompromiss, was in Zeiten eines ordentlichen Wachstums und
überschaubarer Schulden nicht aufgefallen ist. Für eine Krise sind
sie nicht gemacht.
Die Antwort kann nur sein, zu einer losen Wirtschaftsgemeinschaft
mit unterschiedlichen Währungen zurückzukehren - oder endlich einen
gemeinsamen Wirtschaftsraum zu schaffen, der diesen Namen verdient.
Das bedeutet weitere Einschränkungen der Souveränität der
Nationalstaaten. Das müssen die Politiker den Wählern sagen - und die
müssen das auch wollen und darüber abstimmen können. Europa lässt
sich nicht weiter gegen die Bürger organisieren. Der aktuelle Zustand
unseres Kontinents ist auch eine Legitimationskrise der Politik.
Europa oder Nationalismus Die Geschichte lehrt uns, dass die
Kleinstaaterei und der Nationalismus der vergangenen Jahrhunderte
Krieg und Zerstörung gebracht haben. Vor diesem historischen
Hintergrund muss die Zukunft Europas organisiert werden. Sogar die
vorsichtige Angela Merkel sagte kürzlich: "Niemand soll glauben, dass
ein weiteres halbes Jahrhundert Frieden und Wohlstand in Europa
selbstverständlich sind." Auch Österreich wird auf Souveränität
verzichten müssen, wobei diese auch in Zeiten des starken Schillings
ihr Ende an den Toren der deutschen Bundesbank gefunden hat. Und die
oft beneidete Schweiz gibt gerade Milliarden dafür aus, den Kurs des
Franken an den Euro zu binden. So viel zur Souveränität der
Schweizer.
Aber auch die Wirtschaftselite erlebt eine Legitimationskrise. Ein
irischer Professor meinte sehr bildhaft, dass die da oben in ihren
Glaspalästen die da unten auf der Straße nur als kleine Ameisen
wahrnehmen.
Nie gab es so viele Kommunikationsmittel wie heute - und doch sind
unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft ganz weit voneinander
entfernt. Die Bringschuld für mehr Information liegt eindeutig bei
den Führungspersönlichkeiten von Politik und Wirtschaft.
Rückfragehinweis:
KURIER, Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
mailto:[email protected]
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