"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstaetter "Die Legitimationskrise der Fuehrung in Europa"

Politik und Wirtschaft haben keine Antwort auf die aktuelle Wirtschaftskrise.

Wien (OTS) - Peter Drucker, 1909 in Wien geboren und durch Flucht dem Rassenwahn der Nazis entkommen, wurde in den USA zum Begründer der modernen Managementlehre. Beim Peter-Drucker-Forum in Wien wurden kürzlich wieder viele seiner berühmten Zitate vorgetragen. Sie haben Gültigkeit weit über Wirtschaftsunternehmen hinaus. So meinte Drucker, dass Organisationen nicht darauf aufbauen dürfen, von einem Genie geleitet zu werden. Genies sind eher selten. Unternehmen müssen auch - und gerade dann funktionieren, wenn durchschnittliche Manager an der Spitze stehen. Womit wir bei der Europäischen Union wären.
Die Krise der letzten Tage hat natürlich viele menschliche Schwächen offenbart. Ein griechischer Regierungschef, der fünf Tage nach komplizierten Verhandlungen alles auf den Kopf stellt, ist einfach überfordert. Aber ein System, das darauf aufbaut, dass Staaten gemeinsam Beschlüsse fassen, es aber keinerlei Möglichkeit gibt, zu überprüfen, ob sich auch alle an das Vereinbarte halten, kann nicht überleben. Die aktuellen EU-Verträge sind ein schlechter Kompromiss, was in Zeiten eines ordentlichen Wachstums und überschaubarer Schulden nicht aufgefallen ist. Für eine Krise sind sie nicht gemacht.
Die Antwort kann nur sein, zu einer losen Wirtschaftsgemeinschaft mit unterschiedlichen Währungen zurückzukehren - oder endlich einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu schaffen, der diesen Namen verdient. Das bedeutet weitere Einschränkungen der Souveränität der Nationalstaaten. Das müssen die Politiker den Wählern sagen - und die müssen das auch wollen und darüber abstimmen können. Europa lässt sich nicht weiter gegen die Bürger organisieren. Der aktuelle Zustand unseres Kontinents ist auch eine Legitimationskrise der Politik.

Europa oder Nationalismus Die Geschichte lehrt uns, dass die Kleinstaaterei und der Nationalismus der vergangenen Jahrhunderte Krieg und Zerstörung gebracht haben. Vor diesem historischen Hintergrund muss die Zukunft Europas organisiert werden. Sogar die vorsichtige Angela Merkel sagte kürzlich: "Niemand soll glauben, dass ein weiteres halbes Jahrhundert Frieden und Wohlstand in Europa selbstverständlich sind." Auch Österreich wird auf Souveränität verzichten müssen, wobei diese auch in Zeiten des starken Schillings ihr Ende an den Toren der deutschen Bundesbank gefunden hat. Und die oft beneidete Schweiz gibt gerade Milliarden dafür aus, den Kurs des Franken an den Euro zu binden. So viel zur Souveränität der Schweizer.
Aber auch die Wirtschaftselite erlebt eine Legitimationskrise. Ein irischer Professor meinte sehr bildhaft, dass die da oben in ihren Glaspalästen die da unten auf der Straße nur als kleine Ameisen wahrnehmen.
Nie gab es so viele Kommunikationsmittel wie heute - und doch sind unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft ganz weit voneinander entfernt. Die Bringschuld für mehr Information liegt eindeutig bei den Führungspersönlichkeiten von Politik und Wirtschaft.

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