• 03.11.2011, 19:58:30
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Griechenland leidet unter einer Schicksalsfamilie" (Von Gerd Höhler)

Ausgabe vom 04.11.2011

Graz (OTS) - Giorgos Papandreou hat hoch gepokert und verloren.
Angela Merkel und Nicolas Sarkozy ließen sich von seinem Bluff nicht
beeindrucken. Sie machten dem Premier unmissverständlich klar:
Solange die Verhältnisse in Athen ungeklärt sind, die Griechen nicht
über ihren weiteren Weg in Europa entschieden haben und das
Rettungspaket annehmen, gibt es keine weiteren Hilfskredite. Als auch
Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker andeutete, man könne sich eine
Währungsunion ohne Griechenland vorstellen, dürfte Papandreou klar
geworden sein: Er hatte sich verzockt. Das Krisentreffen der
Euro-Mitglieder Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien fand
ausdrücklich ohne Beteiligung Griechenlands statt. Der Premier kehrte
als geschlagener, gedemütigter Mann zurück.

Die Griechen rätseln über die Frage, auf die auch die europäischen
Partner keine Antwort wissen: Was treibt Papandreou um? Sind es die
politischen Gene? Als Ende der 1970er-Jahre das Parlament über den
Beitritt des Landes zur damaligen EG abstimmte, verließ der
sozialistische Oppositionsführer Andreas Papandreou mit seiner
Fraktion demonstrativ den Plenarsaal. Als "Klub der Monopole" hatte
er die Gemeinschaft seit Jahren bekämpft, "EG und NATO, dasselbe
?Syndikato'", skandierten die Anhänger. Sein Sohn Giorgos Papandreou
schickte sich an, das Vermächtnis zu erfüllen. Er war drauf und dran,
Griechenland aus der EU und zurück zur Drachme zu führen - auch wenn
er das Gegenteil beteuerte. Papandreous wirrer Kurs, der in der
Ankündigung eines Referendums über das Rettungspaket mündete,
verstörte EU-Partner und sorgte auch in eigenen Reihen für Irritation
und Widerspruch.

Papandreou und seine Partei sind mit der Bewältigung der Krise
überfordert. Viel mehr als immer neue Steuererhöhungen, die das Land
noch tiefer in die Rezession treiben, fällt der Regierung nicht mehr
ein. Für die notwendigen Strukturreformen, die die Griechen zum
Wachstum zurückführen könnten, hat er nicht die Kraft, wohl auch
nicht den Willen.

Griechenland ist reif für einen Wechsel. Doch wer immer das Land als
nächster Premier führt, wird es nicht leicht haben. So, wie Andreas
Papandreou mit politischen und persönlichen Eskapaden die
europäischen Partner brüskierte, hat Giorgos Papandreou mit seinem
Volksabstimmungs-Verwirrspiel das ohnehin erschütterte Vertrauen der
EU in Griechenland noch weiter untergraben. Papandreou wird abtreten
müssen, aber der Schaden, den er hinterlässt, ist nicht leicht zu
reparieren.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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