• 03.11.2011, 18:15:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Kreis, der sich am Ende schließt - von Esther Mitterstieler

Der Staat kann nicht die Melkkuh der Nation bleiben

Wien (OTS) - Es ist erstaunlich, wie sich die Bilder ähneln: Jahr
für Jahr sitzen die Sozialpartner zusammen und feilschen um
Gehaltserhöhungen. Die Metaller haben schon mal den Streik geprobt
und einen stolzen Abschluss erreicht. Traditionell legen sie die
Messlatte für die weiteren Verhandlungsrunden. Ebenso traditionell
tritt der oberste Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer vollmundig
auf. Er zieht die alte Benya-Formel heran, benannt nach dem
ehemaligen Gewerkschafter, der festlegte: Für die
Gehaltsverhandlungen wird die volle Abgeltung der Inflation plus die
Hälfte des Wirtschaftswachstums angenommen. 2010 war ein gutes Jahr,
also fordert Neugebauer ein Gehaltsplus von 4,65 Prozent für die
350.000 Beamten. Schön, dass Neugebauer sich der Benya-Historie
besinnt. Wir leben aber im Hier und Jetzt und sollten an die Zukunft
denken. Das vergisst der 67-Jährige. Seine Forderung würde den Staat
500 Millionen Euro kosten. Macht nichts, meint er. Das Geld soll aus
dem Budget kommen. Wo lebt der Mann?

Der Staat kann nicht die Melkkuh der Nation sein. Auch Neugebauer
müsste wissen, dass der Staat wir selber sind, und dass wir letztlich
selbst für die maßlosen Forderungen aufkommen müssen. Verantwortung
zu zeigen würde angesichts der tiefschwarzen Wolken am
Konjunkturhimmel auch dem Boss der Beamtengewerkschaft und Zweiten
Nationalratspräsidenten zu Gesichte stehen. Natürlich muss die
Kaufkraft der Menschen erhalten bleiben, die Gehälter müssen
dementsprechend steigen. Das schafft Konsum, und der ist ein
wichtiger Treibstoff für die Wirtschaft.

Eine Ernst & Young-Studie zeigt, dass die Österreicher heuer um
sieben Prozent weniger für Weihnachtsgeschenke ausgeben wollen. In
Zeiten wie diesen auf vermeintlich lustigem Angriff unterwegs zu
sein, ist ein schlechter Dienst Neugebauers an den Beamten. Im
Gegensatz zu ihnen haben Arbeitnehmer auf freiem Feld keinen
unkündbaren Job und müssen sich mit teils bescheidenen
Lohnabschlüssen zufriedengeben. Warum sollen sie als Allgemeinheit
Verständnis für zu hohe Beamtenabschlüsse haben? Noch einen Aspekt
vergisst Neugebauer: Wenn es eng wird, tragen viele Unternehmen die
Mitarbeiter über die Kurzarbeit durch die Krise. Auch der Staat ist
hier als Arbeit gebender Unternehmer zu betrachten. Dann wäre der
Kreis geschlossen.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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