"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer rettet Europa vor den Griechen?" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 02.11.2011

Graz (OTS) - Lasst sie doch sehenden Auges ins eigene
Verderben laufen!

Das ist der erste Gedanke, der einen reflexartig angesichts des heillosen Schlamassels überfällt, das die Regierung in Athen da jetzt angerichtet hat.

Was immer Premierminister Giorgos Papandreou sich dabei gedacht hat:
Sein Vorstoß, das Volk über das Rettungspaket für Griechenland abstimmen zu lassen, kommt wie der Blitz aus heiterem Himmel.

Er schockiert nicht nur die internationalen Märkte, sondern entsetzt auch die EU-Partner.

Schließlich geht es im Schicksalskampf der Europäer längst nicht mehr Hellas alleine. Es geht um den Euro und Europa und in letzter Konsequenz um das Weltfinanzsystem und die Weltwirtschaft.

Beide würden eine Implosion der Eurozone nicht überstehen, ohne selber fürchterlich Schaden zu nehmen. Das kann kein Mensch wollen. Darum kann niemandem, der bei halbwegs bei Sinnen ist, an einem Kollaps von Griechenland gelegen sein.

Um diesen Albtraum nicht wahr werden zu lassen, haben die Euroretter gewaltige Opfer erbracht. Sie haben ein Rettungspaket nach dem anderen geschnürt und gegen den wachsenden Widerstand von Europas Bürgern bis jetzt 65 Milliarden Euro nach Hellas gepumpt.

Zugleich haben sie von langer Hand den unausweichlichen Schuldenschnitt für das Land vorbereitet, den Euroschutzschirm ausgebaut und die Banken genötigt, auf die Hälfte ihrer Forderungen zu verzichten.

Das war ein hartes Stück Arbeit. Und fast sah nach dem letzten Brüsseler Gipfel so aus, als könnte es diesmal klappen.

Die Märkte entspannten sich merklich, und zum ersten Mal seit Langem durchwehte ein Hauch von Optimismus die EU.

Das alles macht Papandreou jetzt mit einem Schlag zunichte. Selbst wenn man ihm als Motiv die Sorge um die Zukunft seine Landes unterstellt und nicht das unlautere Ziel des Machterhalts. Worüber will er überhaupt abstimmen lassen?

Die Details für das Hilfspaket werden erst ausverhandelt. Noch ist nicht einmal klar, ob alle Privaten sich daran beteiligen werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jetzt sogar geringer. Warum sollten die Banken den Griechen ihre Schulden streichen, wenn die das womöglich gar nicht wollen?

Schneller als die ärgsten Pessimisten es prophezeiten, hält die Krise Europa wieder in ihrem Würgegriff.

Schon am Mittwoch wollen die Euroretter in Cannes erneut zum Sondergipfel zusammen kommen. Was Europa für Hellas tun kann, wird diesmal weniger eine Rolle spielen. Die Frage lautet vielmehr: Wer rettet Europa vor den Griechen?****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001