- 21.10.2011, 19:42:50
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bittere Armut bedroht den "Arabischen Frühling" (von Ernst Heinrich)
Ausgabe vom 22.10.2011
Graz (OTS) - Tunesiens Langzeit-Diktator Zine Ben Ali
flüchtete ins Exil, als der arabische Frühlingssturm losging. Sein
ägyptischer Kollege Hosni Mubarak sitzt, oder vielmehr liegt
gesundheitlich schwer gezeichnet auf der Anklagebank. Und Muammar
al-Gaddafi starb - hingerichtet oder gelyncht - in der Wüste. Jetzt
jubeln auch in Libyen die Menschen. Aber gibt es wirklich Grund zu
großer Freude? Kommt nach dem Ende der Gewaltherrscher tatsächlich
jene Freiheit, von der alle träumen?
Viele Ägypter stellen knapp zehn Monaten nach dem historischen
Aufstand auf dem Tahrir-Platz in Kairo mit Ernüchterung fest, dass
ihre Revolution, für die sie im Westen bewundert wurden, vielleicht
nur eine Mogelpackung war. Denn vor allem nach der jüngsten blutigen
Konfrontation zwischen christlichen Demonstranten und Soldaten fragen
sie, ob das alte Regime nicht doch noch lebt und ob das Militär die
Macht nach einer Wahl tatsächlich abgeben wird. Und wenn ja: werden
die Islamisten im Fall ihres Sieges dann wirklich jene Freiheiten
dulden, die sie jetzt noch versprechen.
Doch nicht nur in Ägypten, auch in Tunesien, wo morgen eine neue
Nationalversammlung gewählt werden soll, ist die Zukunft ungewiss.
Auch dort müssen radikale Islamisten, gemäßigt Religiöse und
weltliche Politiker erst einmal einen politischen Konsens finden.
Dieser ist in Tunesien noch eher vorstellbar als in Libyen. Der
ölreiche Wüstenstaat ist zerrissen in Clans und Stämme, teils pro-,
teils scharf anti-westlich, und seine Menschen sind bis an die Zähne
bewaffnet. Geeint hat sie der Hass auf das Gaddafi-Regime. Und diese
Klammer ist jetzt weg.
Die größte Gefahr in Libyen, Tunesiern und Ägypten, aber auch in
Ländern wie Syrien und Jemen, in denen noch gekämpft und gelitten
wird, geht aber nicht von mangelnden demokratischen Strukturen aus,
sondern von der bitteren Armut. In fast allen arabischen Ländern gibt
es viel zu wenig Arbeitsplätze für die rasch wachsende Bevölkerung.
Und mit den Revolutionen ist - vor allem in Ägypten und Tunesien -
der einzige florierende Wirtschaftszweig, der Tourismus,
zusammengebrochen. Die revolutionäre Euphorie verfliegt, Armut und
soziale Spannungen nehmen eher zu als ab.
In dieser heiklen Phase müsste Europa großzügige Wirtschaftshilfe
leisten. Aber diesseits des Mittelmeeres kämpft man gerade selbst
hektisch mit seiner eigenen Krise. Für die Araber bleiben
aufmunternde Worte. Und aus dem "Arabischen Frühling" könnte bald ein
rauer "Nordafrikanischer Winter" werden.****
Rückfragehinweis:
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