"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der einfältige Glaube an die Wunderlösung" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 21.10.2011

Graz (OTS) - Den Eurorettern wird in der Krise vorgeworfen, sie hätten nicht kapiert, wie die Märkte funktionieren.

Da mag einiges dran sein. Allein der Börsenzickzack der letzten Tage zeigt aber, dass es nicht weit her ist mit dem Mythos von der angeblich so kühlen Rationalität des freien Marktes, mit dem dessen Apologeten gerne hausieren gehen.

Selten wurde einem Gipfel-ereignis von den Anlegern so hysterisch entgegengefiebert wie dem Krisentreffen der Euroretter am Sonntag in Brüssel.

Selten waren die daran geknüpften Heilserwartungen so überzogen. Denn den einen großen Befreiungsschlag wird es auch diesmal nicht geben.

Wie denn auch?

Die riesigen Schuldenberge, die den Euro in seiner Existenz bedrohen, sind das Resultat jahrzehntelangen budgetären Schlendrians. Und Dezennien wird es wohl dauern, um die gewaltigen Verbindlichkeiten abzutragen. Zu glauben, Europas Schuldenproblem ließe sich jäh lösen, ist nicht nur naiv. Es zeugt auch von Unverständnis gegenüber der Logik, nach der Politik in der EU funktioniert.

Selbst wenn den Eurorettern stets klar gewesen sein sollte, dass an einem Schuldenschnitt für Griechenland kein Weg vorbeiführt, konnten sie Hellas nicht sofort in den Bankrott schicken. Die damit verbundenen Unwägbarkeiten wären zu groß gewesen. Was immer die Euroländer bisher unternahmen, um ihre Währung zu retten, geschah, um Zeit zu gewinnen - Zeit, um vorzubauen.

Mit dem "Zauberhebel", mit dem das Volumen des Euroschutzschirmes auf 2000 Milliarden Euro aufgepumpt werden soll, könnte es bald ein Instrument geben, das die Folgen einer hellenischen Pleite beherrschbar macht. Aber Skepsis ist angebracht. Erstens ist Geschichte voll von Wunderwaffen, die als Rohrkrepierer endeten. Bestes Beispiel sind die Bankenstresstests, die das Papier nicht wert waren, auf dem sie geschrieben wurden. Zweitens sind sich die Europäer tief uneins darüber, wie genau die wunderbare Geldvermehrung vonstattengehen soll.

Nein, wenn dieser Gipfel wichtig, ja das vielleicht eminenteste Gipfelereignis seit Maastricht ist, dann, weil dort zentrale politische Weichen gestellt werden könnten. Mehr Europa oder weniger, das ist der Wendepunkt, an den die Krise die Euroretter gebracht hat.

Beides sind gangbare Wege. Und anders als vom "Alles oder nichts"-Mainstream behauptet, würde Europa an einem Schritt zurück gewiss nicht zugrunde gehen. Nur Weiterwursteln geht nicht länger. Es hat als politisches Handlungsprinzip in der Krise ausgedient.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001