Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Der Tod des Tyrannen"

Ausgabe vom 21. Oktober 2011

Wien (OTS) - Die Zivilisierung des Menschen ist, wenn überhaupt,
so allenfalls ein langfristiges Projekt. Nicht, dass Mitleid angesichts von Gaddafis Schicksal geboten wäre - es war sein selbstgewähltes Schicksal.

Es ist die archaische Wucht dieser Geschichte, die so verstörend wirkt. Der gewaltsame Tod des gestürzten Tyrannen fügt sich allzu nahtlos in den von allen Seiten unerbittlich geführten Kampf um die Macht in dem an Bodenschätzen reichen Libyen. TV-Bilder, wie jubelnde Kämpfer den Leichnam des toten Gegners durch die Straßen zerren, erinnern eher an Homers "Ilias" oder die martialische politische Symbolik des Mittelalters; in unser Bild von der ach so fortschrittlichen Gegenwart wollen sie dagegen so gar nicht passen. In dieser ist der Körper des gefallenen Gegners längst sakrosankt. Hier dagegen gehört die öffentliche Zurschaustellung, die Demütigung des zur Strecke gebrachten Gegners noch immer zur Tradition, in der Gewalt tatsächlich die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist.

Gejagt und zur Strecke gebracht, tot oder lebendig: Die an Western und Actionfilme erinnernde Dramaturgie und Rhetorik ist in die politische Realität zurückgekehrt - Saddam Hussein und Osama bin Laden waren nur die bekanntesten Namen. An die Adresse von Syriens Diktator Bashar al-Assad und seine Brüder im Geiste ist das ein starkes Signal, sie werden die Live-Bilder mit mulmigem Gefühl im Magen verfolgt haben.

Man hätte sich einen anderen, unblutigeren Aufbruch in eine neue Zukunft für Libyen gewünscht. Muammar Gaddafi vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag: Darin hätte nicht zuletzt eine wichtige Lektion an das libysche Volk liegen können, nämlich dass die Suche nach Gerechtigkeit nicht zwingend das Blut des Gegners fordert.

Der Westen jedenfalls, allen voran die Europäische Union, hat sich mit seinem militärischen Eingreifen zu einem langfristigen Engagement verpflichtet. Natürlich geht es um die Sicherung des Zugangs zu Libyens Ressourcen, am Ende wird die Nato-Mission jedoch daran gemessen, ob sie die Wende hin zur Demokratie gebracht hat - oder eben nur eine andere, vielleicht mildere Form der Unfreiheit.

Es wird nicht leicht werden, die schwer bewaffneten Männer Libyens von den Vorzügen der Demokratie zu überzeugen.

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