- 15.10.2011, 19:46:26
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Fall für die Mutbürger" (von Reinhold Dottolo)
Ausgabe vom 16.10.2011
Graz (OTS) - Nicht lange ist es her: Da beschuldigte Andreas
Treichl, der angesehene Chef der Erste Bank, die Kaste der Politiker
mit rüden Worten der wirtschaftlichen Ahnungslosigkeit. Dies erregte
auch Aufsehen, weil die Wortmeldung des Bankers vor dem Hintergrund
eines erfolgreich geführten Geldinstituts abgegeben schien. Doch
siehe da: Dieser Tage musste Treichl darlegen, dass auch seine Gruppe
im Osten "Miese" gemacht hat und für heuer 1,6 Milliarden Euro
abschreiben müsse. Keine Rede könne außerdem davon sein, dass die
Erste das 2008 geliehene Staatskapital von rund 1,2 Milliarden wie
angekündigt heuer zurückzahle.
Die Metamorphose des Spitzenverdieners und verbal offensiven
Strahlemanns zum sich ob der Probleme Asche auf das Haupt streuen
müssenden Krisenrealisten ist bemerkenswert. Auch weil sie Mustern
entspricht, die in der Wirtschaft und in der Politik zu oft
anzutreffen sind. Es werden Eindrücke vermittelt, die nicht halten,
und Versprechungen gemacht, die nicht eintreffen. Und zwar nicht von
Mitläufern, sondern von Spitzenrepräsentanten. Zu den Krisen, durch
die wir derzeit durchmüssen, gesellt sich auch deswegen eine des
Vertrauens in die sogenannten Eliten, zu denen sich Distanz aufgebaut
hat.
Viele erinnern sich an die Zeiten, als von Entscheidungsträgern der
Segen der Globalisierung gepriesen wurde. Im Bewusstsein der Menschen
hat sich dieser noch immer nicht niedergeschlagen. Dafür aber das
Gefühl, mit härteren Arbeitsbedingungen und weniger im Börsel leben
zu müssen. Auch die so wichtige europäische Integration und der Euro
wurden von Politik und Wirtschaft hymnisch als Hort der Stabilität
und als Garantie für Wachstum besungen, ohne dass im Kleingedruckten
zu lesen war, dass Desaster wie jenes in Griechenland systemimmanent
sein könnten. Die derzeitige Entscheidungsunlust in der Politik und
das Negieren von Problemen vermitteln weiters, dass jene, die von
ihrer Funktion her was zu sagen hätten, nichts sagen wollen oder
können. Dass daher eine Sehnsucht nach Männern und Frauen an der
Spitze wächst, die die Dinge beim Namen nennen und ändern, ist
verständlich.
Weil derlei Begabungen aber nicht wie Sand am Meer anzutreffen sind,
beginnen die Enttäuschten selbst zu reagieren. Initiativen von
Geduldsbürgern, die zu Wut- und noch besser zu Mutbürgern mutieren,
machen Hoffnung auf mehr Druck von unten nach oben. Das ist gut so:
Unsere Demokratie und unser Land sind zu wertvoll, um sie feigen oder
nur in Schlagzeile des nächsten Tages denkenden Repräsentanten allein
zu überlassen.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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