• 13.10.2011, 17:59:26
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Harte Zeiten, neue Rituale"

Ausgabe vom 14. Oktober 2011

Wien (OTS) - Arbeitskämpfe sind in Österreich rare Ausnahme. Der
letzte Streik von Substanz ging 2003 über die Bühne und richtete sich
damals nicht gegen die Arbeitgeber, sondern gegen die Pensionspläne
der schwarz-blauen Regierung. In den vergangenen sechs Jahren
herrschte überhaupt völlige Ruhe an der Streikfront.

Damit ist es jetzt vorbei: Am Donnerstag kam es in mehr als 150
Betrieben der Metaller-Branche zu ersten Protestmaßnahmen, wenngleich
mit deutlich angezogener Handbremse. Eskalationspotenzial ist
gegeben, erheblich sogar.

Wird also nun auch Österreich von der Welle sozialer Konflikte
erfasst, die im Zuge der Schulden- und Finanzkrise quer durch Europa
im Aufbrechen begriffen sind?

Faktum ist, dass der Legitimationsdruck auf die Gewerkschaften massiv
gestiegen ist: Seit Jahren stagnierende Realeinkommen, die wachsende
Kluft zwischen Arm und Reich, die Eskapaden der Finanzindustrie, die
nun auch noch mit Steuergeld gestützt werden - das ist der Tenor der
öffentlichen Debatte. Dem stehen auf Arbeitgeberseite die Sorgen vor
einer Überforderung der Betriebe angesichts der Rückkehr des
Rezessionsgespenstes gegenüber. Auf der Verliererseite stünden dann
nicht nur Gewinnausschüttungen, sondern auch wegbrechende
Arbeitsplätze.

Gewerkschaften sind, von ihrer Entstehungsgeschichte und ihrem
Selbstverständnis her, Kampforganisationen. Im Österreich der
vergangenen Jahrzehnte konnte das schon einmal in Vergessenheit
geraten. In der jetzigen Situation kehrt dies wieder ins Bewusstsein
der Akteure zurück, andernfalls müsste sich der ÖGB wohl Fragen nach
seiner Existenzberechtigung gefallen lassen.

Soweit die politische Dynamik in einer freiwilligen
Mitgliederorganisation.

Bleibt die Frage, ob die nun gestartete Eskalation lediglich zum
adaptierten Verhandlungsrepertoire beider Seiten auf dem Weg zu einem
Kompromiss gehört. Einiges spricht für diese Einschätzung. Härtere
Zeiten erfordern vielleicht auch neuen, öffentlichkeitswirksameren
Aktionismus im zur Routine gewordenen Verhandlungsritual. Okay,
solange am Ende eine für alle tragbare Lösung herauskommt. Eine
Eskalation zu einem voll ausgewachsenen Arbeitskampf kann sich
niemand in Österreich angesichts der sich rapide verdüsternden
Wirtschaftslage wünschen.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragehinweis:
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Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
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