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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Unangenehme Wahrheiten"

Ausgabe vom 11. Oktober 2011

Wien (OTS) - Vielen geht die Euro-Krise mittlerweile ordentlich
auf den Wecker. Seit Monaten werden ständig dieselben Probleme
wiedergekaut: Hochverschuldete Länder werden in ihrer
Kreditwürdigkeit herabgestuft, die Regierungen beschließen als
Reaktion Sparprogramme. Griechenland geht pleite oder auch nicht. Die
Wirtschaft stürzt ab, es kommt zu einer neuerlichen Schrumpfung -
oder vielleicht doch nicht ganz. Die Banken benötigen viele
Milliarden Euro an frischem Kapital, aber von wem und warum?

Neben dieser Endlos-Debatte geht das Leben in Österreich - und den
meisten EU-Ländern - seinen gewohnten Gang. In Österreich ist die
Arbeitslosigkeit niedrig, die Gehälter werden überwiesen, alles
scheint normal und friedlich. Der Eindruck, das ganze Krisen-Gerede
sei das Hirngespinst von Spekulanten und Notenbankern, kann
tatsächlich entstehen. Eigentlich ist ja nur Griechenland pleite, das
sind nur zwei Prozent der EU. Unangenehm für die Griechen, aber sie
sind irgendwie ja auch selbst schuld.

Leider ist es nicht ganz so. Die EU-Länder haben an Kapital und
Garantien seit 2008 insgesamt 1240 Milliarden Euro aufgewendet, um
das Bankensystem nicht krachen zu lassen. Dazu kommen dreistellige
Milliardenbeträge für Konjunkturprogramme, mit denen die
Arbeitslosigkeit niedrig gehalten wurde.

Der Anschein der Normalität hat die europäischen Bürger in Wahrheit
in drei Jahren Unsummen gekostet, für die sie nun als Steuerzahler
gradestehen müssen. Wenn Ende 2008 das Finanzsystem zusammengebrochen
wäre, stünde die Welt schon heute anders da.

Nun hat die Erste Bank durch ihren Paukenschlag bewiesen, dass in den
Bankbilanzen Risiken schlummern, die - wie die Staatsschulden - eine
Zeitbombe darstellen. Andere Banker mögen sich über Andreas Treichls
Vorgangsweise ärgern, aber offenkundig hält die Erste Bank einer
solchen Belastung stand. Andere Institute sind dazu nicht in der
Lage. Auf sie warten Zerschlagung und Not-Verstaatlichung.

Ob es dafür in der Bevölkerung breites Verständnis gibt, muss
bezweifelt werden - solange es nicht die "eigene" Bank betrifft.

Es wäre also für alle ratsam, den unangenehmen Wahrheiten ins Auge zu
blicken. Der Anschein von Normalität verblasst, die kommenden Jahre
werden nicht lustig. Die Botschaft ist schwer zu verdauen, aber
leider wahr.

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Tel.: +43 1 206 99-474
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