- 04.10.2011, 17:20:33
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Franz Zauner: "Am Ende der Kaufkraft"
Ausgabe vom 5. Oktober 2011
Wien (OTS) - Sie sind jung, sie sind wütend, sie stören Ruhe und
Ordnung. Manchmal ist das schlecht, mitunter umstritten, öfter noch
unverkennbar gut. Nach den Aufständen in Nordafrika, den
Demonstrationen in Spanien, den Straßenschlachten in London ist die
Welt also um einen Massenprotest reicher: Seit kurzem prägt die
Bewegung "Besetzt die Wall Street" das Straßenbild von New York.
Auch dieses Beispiel eines spontanen Wutausbruchs im Großformat kommt
überraschend, trotzdem macht es Schule. Am Dienstag ballten sich
bunte Haufen aus Studenten, Polit-Aktivisten und Gewerkschaftern
bereits in Boston, Los Angeles und Chicago vor den Hochburgen der
Finanzindustrie. Mit jedem TV-Übertragungswagen und jeder
Prominenten-Grußadresse wächst die Demonstrantenschar. Und wie bei
allen Revolten des heurigen Jahres dient auch diesmal wieder das
Internet als Werbeplattform, Debattierklub und Taktgeber. Geht es
nach den Vorstellungen der Organisatoren auf der Website
occupytogether.org, dann soll die Wutwelle rund um den Globus laufen
und demnächst auch in Tokio, London, Prag und Frankfurt den
Politikern zeigen, dass mit den Hütern finanzieller
Massenvernichtungswaffen kein Staat mehr zu machen ist. Die Politiker
wissen es vermutlich, sind aber beschäftigt. Gerade plagten sich die
Finanzminister der Euro-Staaten in Luxemburg, die Bedingungen der
Möglichkeit zu klären, bis Ende Oktober den Griechen ein paar
Milliarden Euro mehr auszuzahlen. Eine unkontrollierte Pleite
Griechenlands würde die EU wirtschaftspolitisch in einen Kontinent
des Horrors verwandeln, das ist bekannt. Aber jenseits aller
finanztechnischen Debatten und durchschaubaren Manöver
nationalistischer Ego-Politik wächst die Sehnsucht nach einem
Befreiungsschlag.
Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, der bisher prominenteste
Sympathisant von "Occupy Wall Street", spricht einmal mehr von einem
"Krieg gegen die Mittelschicht", die besonders in den USA einfach zu
viele Rechnungen zu begleichen hat. Viele Bürger sind am Ende ihrer
Kaufkraft. Das Verlangen, jederzeit durch Wetten ein Vermögen machen
zu können, ist nicht nur in den Augen der
Anti-Wall-Street-Demonstranten kein Menschenrecht. Eine harsche
Zähmung der Finanzmärkte wäre vermutlich mehrheitsfähig. Schließlich
haftet die Allgemeinheit seit 2009 für deren Konstruktionsfehler.
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