• 03.10.2011, 18:15:39
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Europas gehebelter Wahnsinn - von Hans Weitmayr

"Hebel": Ein Begriff, den man mit Spekulationsgeschäft assoziiert

Wien (OTS) - Gehebelt - so können sich inzwischen immer mehr
Entscheidungsträger den ausgeweiteten Hilfsfonds EFSF vorstellen. Im
Prinzip funktioniert das folgendermaßen: Der Fonds erwirbt Anleihen
maroder Euro-Staaten. Diese behält er nicht, er verkauft sie vorerst
auch nicht am Sekundärmarkt, nein, er verwendet sie als Garantie für
Kredite, die er bei der Europäischen Zentralbank (EZB) aufnimmt. Mit
diesem frischen Geld geht er abermals in den Anleihenmarkt, kauft
abermals Junk-Anleihen, präsentiert sie als Garantien der EZB und
nimmt abermals ein Darlehen auf. Mit dem frischen Geld ... wie es
weitergeht, können Sie sich denken. Diese Idee wurde aus den
Vereinigten Staaten importiert. US-Finanzminister Timothy Geithner
hat sie seinen europäischen Amtskollegen beim jüngsten informellen
Ecofin wärmstens ans Herz gelegt.

An dieser Stelle ein kurze Frage: Wie irrsinnig kann es eigentlich
werden? Einmal vom Procedere, das auf einen reinen
Gelddruck-Automatismus hinausläuft: Hebel? Diesen Begriff assoziiert
man zuallererst mit hochriskanten Optionsgeschäften. Eine Variante -
nämlich die Put-Option (Anm: Leerverkauf) auf Banken war in manchen
europäischen Ländern vor Kurzem verboten. Und jetzt steht tatsächlich
zur Diskussion, Risiko und Geldmenge der Eurozone auf Teufel komm
raus zu multiplizieren?

Alleine, dass es möglich ist, einen derart besetzten Begriff mit dem
Terminus "Öffentliche Gelder" in einem Satz auszusprechen, zeigt, wie
dramatisch die Lage geworden ist. Um die Eurozone in ihrer
gegenwärtigen Ausgestaltung zu retten, muss man vabanque spielen. Wie
der Zocker im Casino, der immer und immer wieder auf Rot setzt und
nach jedem Verlust den Einsatz verdoppelt, hoffen Europas Politiker,
irgendwann ihre verlorenen Jetons wieder zurückzugewinnen. Doch was
passiert, wenn das Geld endet, bevor es die Pechsträhne tut? Dann
droht eher früher als später der Privatkonkurs.

Einwenden werden die Hebel-Befürworter, dass man ja ein Limit
einziehen kann. Dass etwa die EZB vom EFSF nur Garantien über maximal
eine Billion Euro akzeptiert. Aber spätestens seit den
Maastricht-Kriterien und der US-Schuldenobergrenze weiß man: Limits
sind dazu da, um überschritten zu werden.

Kommt es tatsächlich zu einem Beschluss, der einen gehebelten
Hilfsfonds vorsieht, ist ein Damm gebrochen. Die einzige Institution,
die sich nach dem Einlenken Deutschlands jetzt noch querlegen kann,
ist die EZB. Fraglich ist, ob sie das anlässlich des per Monatsende
anstehenden Wechsels an der Spitze könnte - wenn sie wollte.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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