- 27.09.2011, 15:41:16
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Mut zur Qualität
Keynote von Bodo Hombach an den Österreichischen Medientagen 2011

Wien (OTS) - Meine Damen und Herren,
Ihnen danke ich herzlich für die Ehre des mir vorgegebenen Themas:
"Mut zur Qualität".
Man fragte ein altes Ehepaar, wie sie es geschafft hätten, einander
so lange treu zu sein, ohne Langeweile.
Sie lächelten durch das Gitter ihrer Falten.
Der Mann sagt: "Es war nicht so schwierig. Wir haben da ein Ritual.
Jede Woche gehen wir in das kleine Restaurant, wo wir uns unsere
Liebe gestanden haben. Wir essen unser Lieblingsgericht und trinken
ein feines Glas Wein. - Ich dienstags und sie am Donnerstag."
Ich glaube an stabile Beziehungen: auch zwischen Medien und Nutzern.
Sie gründen auf Vertrauen. Sie bleiben vital durch eine kleine Prise
Understatement und Überraschung gegen Routine und Langeweile. Alles
zusammen nenne ich "Qualität".
Aber Mut? Was ist und zu welchem Ende braucht man Mut in diesem
Zusammenhang?
Im Fragebogen für Prominente fragt eine deutsche Wochenzeitung auch
nach Helden und Vorbildern für die Gegenwart.
Die Befragten entschieden sich zumeist für Mutter Teresa, Nelson
Mandela oder Martin Luther King. Einer fiel aus der Rolle. Er
antwortete: "Die wirklichen Helden unserer Tage sind alte Frauen, die
versuchen, eine belebte Straße zu überqueren."
Das scheint mehr als ein beifallheischender Gag.
Leben wir inmitten gefährlicher Systeme? Braucht es Mut, das Normale
und Alltägliche zu tun? Ist "menschliches Versagen" (es heißt so,
weil es menschlich ist) nicht mehr möglich, weil darauf - z. B. im
Straßenverkehr - die Todesstrafe steht? Muss ein Manager im
Großsystem ökonomische Bedenken niederkämpfen, wenn er gegen
den Zwang zur Quantität auch Qualität einfordert? Braucht das Normale
Bekennertum?
Jeder erlebt: Primärerfahrungen schwinden. Sekundärerfahrungen nehmen
zu. Unser Dasein wird wesentlich von Medien mitbestimmt. Also hängt
die Qualität unseres Daseins von der Qualität der Medien ab. Im
Privatbereich ist das Chance und Gefahr fürs persönliche Schicksal.
Im öffentlichen Bereich ist es Chance und Gefahr für
Staat und Gesellschaft.
Medien haben eine weitreichende Definitionsmacht über die
Wirklichkeit. Sie können sie abbilden, aber auch verzerren.
Ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung: "Die medialen Schemata
kreuzfideler Simplifizierung leiten zunehmend auch das Verhalten im
Alltag. Sie sind Alltag. Leben als Seifenoper." Qualitative Presse
muss realitätssüchtig sein.
Hegel pries die Zeitungslektüre als "realistischen Morgensegen". Er
hat immer noch Recht, denn sie nötigt das System zur Transparenz und
Anpassung an informierte und sich formierende Bürger. Deren
Unterhaltungsbedürfnis ernährt sich selbst.
Mächtige, die auf "Brot und Spiele" setzen, wollen alleine bleiben.
Für sie ist bürgerschaftliche Mitwirkung Störfaktor. "Ist die Moderne
an sich selbst dumm geworden oder an schlechter gewordenen
Zeitungen?", fragte Giovanni di Lorenzo, ein Buch vom
altersskeptischen Habermas besprechend. Der sieht die Substanz
unserer Demokratie erodieren, den öffentlichen Diskurs verflachen.
Ohne "Leitmedien" ginge nichts, auch nicht die Kontrolle der Politik.
Die alte Frau steht am Straßenrand. Vor ihrem langsamen, vielleicht
kurzsichtigen Blick rasen Fahrzeuge vorbei: Abgesandte einer fremden,
gefährlichen Welt. Die stählernen Kisten anonymisieren die Fahrer.
Sie folgen dem Herdentrieb. Einige frönen ihrer Eitelkeit oder
Aggression mittels Karosserie und Kühlergrill.
Die Frau braucht Mut, den ersten Schritt zu tun. Vielleicht wird sie
ihn gleich wagen, aber die Straße ist breit. Wir wünschen ihr, dass
sie heil ankommt. Das aber wäre zynisch, wenn wir nicht bereit wären,
unsererseits Mut für das ganz Normale aufzubringen.
Für Medienmacher heißt das - wie mein Thema: Mut zur Qualität!
Ich nehme den Begriff "Mut" als hochgestimmte Lust an der
Herausforderung. Das hat etwas von Ritter und Abenteuer. Da geht es
tapfer auf die Drachen los. Die Jungfrau "Qualität" soll aus
Umstrickungen befreit werden. Meinetwegen mit Hilfe guter
Zwerge und Geister.
Weniger poetisch: Ich will der alten Frau über die Straße helfen.
Acht gute Vorsätze will ich nennen:
1. Qualitätsmedien bekennen sich zu den Leuten: die uns lesen, sehen
oder hören, unsere Apps bedienen oder sich auf die Hohe See des
Internets wagen.
Man kann viel von ihnen lernen. Sie sind uns nah und fern zugleich,
manchmal stark und klug, oft auch verletzlich, umständlich, verwirrt.
Andere sind pfiffig und rührig,
zuweilen ätzend und unverschämt.
Viele werden herumgestoßen von der Politik, von mächtigen
Interessengruppen, von Ideologen, die auf sie einreden. Andere haben
sich wählen lassen, wollen Gutes bewirken.
Manche verzetteln sich im Verhau der Parteiräson. Wieder andere
möchten schöne Kernkraftwerke bauen und verstehen nun die Welt nicht
mehr. (Ihr Österreicher fragt Euch, warum die Deutschen erst jetzt
zweifeln.) Andere hingen schnurrend am Heißluftballon ihrer
Anlagestrategien. Plötzlich war das nur noch eine Blase heißer
Luft.
Vielleicht kostet es Mut: Aber ein Medienmensch, der die Menschen
nicht spannend findet, der sie nicht kennen will mit ihren
Möglichkeiten und Macken, mit ihren Geschichten und Spleens, der
nicht die Geduld hat, ihnen zuzuhören - wer kein Herz hat für den
Rummelplatz der Welt, vom Riesenrad über die Geisterbahn bis zum
"grünen Prater" der Jogger und Spaziergänger, der kann zum Teufel
gehen. Der hat in der Branche nichts zu suchen, denn er hat dort
nichts verloren.
Ein notorischer Idealist wie Friedrich Schiller bekannte einmal: "Je
älter ich werde,desto kürzer wird meine Liste der Verbrecher und
desto länger meine Liste der Toren."
Hätte Schiller bei Facebook oder Twitter eingestellt: "Alle Menschen
werden Brüder!"? Die Möglichkeiten des Internets sind nicht das
letzte Wort für zwischenmenschliche Beziehungen. Welchen Wert hat
eine Beziehung, die man per Mausklick begründen kann?
2. Qualitätsmedien schwimmen gegen den Strom.
Sie überqueren die Straße an ihrer belebtesten Stelle. Der Zeitgeist
erwartet Breite und Tempo. Breite macht es schnell flach, und Tempo
heißt meist flüchtig. Qualität ist Tiefe und Reflexion.
Wer nur ökonomisiert, verengt den Blick auf Schießschartenformat.
Nichts gegen Ökonomie. Sie schafft den Mehrwert, der Voraussetzung
des Verteilens ist. Aber sie soll dort entscheiden, wo sie die Regeln
kennt und wo diese Geltung haben. Die Welt hat viele
Geschäftsmodelle, sie selbst ist keins. "Gott verdient bei der Sache
nicht einen Cent", meinte Henry Miller. (Bibelfeste bedienen sich bei
Mt. 9, 10.8: "Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.")
Man kann die Quantität erreichen, ohne sich ihr zu unterwerfen. Man
kann Qualität liefern, ohne sich in die Schmollecke kleiner
Zielgruppen zurückzuziehen. Dafür die richtige Formel zu finden,
erfordert Fantasie. Trotz ungünstiger Prognosen beim
Anzeigengeschäft, trotz wachsender Schreib- und Leseschwäche unserer
Zivilisation - gegen schnelle Panikmacher durchzukommen, braucht Mut.
Aber auch Unternehmer, die hinter den Wänden neue Räume wittern und -
gegen alle Melancholie - Hammer und Meißel ansetzen.
In einer sich differenzierenden Medienlandschaft ist Aufmerksamkeit
ein begehrtes Gut. Die Iässt sich durch Dramatisierung und Zuspitzung
leichter erzielen.
Qualitätsmedien widersetzen sich dem Trend zur Ereignisdemokratie.
Sie wollen keine Inszenierungen, wo es um Inhalte geht. Sie wollen
nicht nur Köpfe, sondern auch Themen. Sie sammeln nicht nur
Torszenen, sondern zeigen das ganze Spiel.
Demokratische Politik ist langsam. Sie ist ein mühseliger Prozess von
Meinungsbildung und Interessenausgleich. Das gefährdet den "Triumph
des Augenblicks": Der "Glanz der Dauerhaftigkeit" wird selten.
Qualitätsmedien widersetzen sich dem Anpassungsdruck übereiliger,
vordergründig einflussheischender Konkurrenz. Sie sind es sich und
ihren Konsumenten wert. Ich verkenne nicht, dass hier Mut vonnöten
ist. Man gewinnt Freunde, aber man macht sich Gegner. Wer gegen den
Strom schwimmt, wirkt auf manche nicht gefährdet, sondern gefährlich.
3. Qualitätsmedien kontrollieren die Macht.
"Im Anfang war die Presse und dann erschien die Welt", sagte Karl
Kraus. Ganz sicher die Welt der Demokratie. Journalisten als
Rechercheure und Berichterstatter, Redakteure, Kommentatoren,
Moderatoren, Kritiker und Verlagshäuser mit Standvermögen
dienen der Demokratie. Qualitative Presse ist eine Errungenschaft der
politischen Kultur. Es brauchte lange Zeit und qualvolle Kämpfe, bis
die Mächtigen bereit waren, sich und ihren Völkern diese
Errungenschaft zu gönnen.
Das deutsche Bundesverfassungsgericht stellte in zahlreichen Urteilen
klar: "Die gesamtstaatliche Meinungs- und Willensbildung vollzieht
sich vom Souverän in Richtung auf die Staatsorgane hin und nicht in
umgekehrter Richtung." - Wer das so deutlich betont, weiß, dass es
nötig ist. Trotz Gewaltenteilung: Ohne Kontrolle durch
die von Medien hergestellte Öffentlichkeit wäre die politische Klasse
rasch am Ende.
Mit sich selbst allein würde sie wieder in ihre alten Fallen laufen:
Die Falle der Macht als Selbstzweck, die Falle der schrecklichen
Einfachheiten und damit die Falle schleichender
Wirklichkeitsverluste.
Heute heißt der "Kategorische Imperativ" des Handelns: "WAS IST, WENN
ES RAUSKOMMT?" Demokratie steht und fällt damit, dass möglichst viel
"rauskommt".
Ich bin zuversichtlich. So lange es Qualitätspresse gibt, ist die
Kontrolle der Mächtigen nicht so schwierig. Das belegen Affären der
vergangenen Jahre in reichem Maße. In einer Art Freud'schem
Todestrieb scheinen gefährdete Protagonisten unterbewusst
zu hoffen, beim Missbrauch ihres Amtes erwischt zu werden. Sonst
würden sie nicht so viele Spuren legen.
4. Qualitätsmedien klären auf.
Wir neigen dazu, den kritischen Blick meist nur auf Politik und
Wirtschaft zu richten. Aufklärung geht weiter. Sie ist - nach Kant -
noch immer der Auszug des Menschen aus selbstverschuldeter
Unmündigkeit. Qualitätsmedien wollen deshalb nach dem
alten Wanderlied "fragen, woher der Sturmwind braust und schauen, was
hinter den Bergen haust". Es ist ihr Existenzgrund, so viel
Öffentlichkeit wie möglich zu erzeugen.
Es gilt auch, die Strömungsbilder im Ideenhaushalt der Gesellschaft
zu entdecken, Alternativen zu suchen, Kritik und Gegenkritik zu
pflegen. Sie sind der Zweifel in jedem Glauben. Sie schlagen Lärm,
wenn sich Stille ausbreitet. Sie stellen die ungehörigen
Fragen, bohren tiefer, blicken weiter und trommeln - wie Oskar
Matzerath in Grass' "Blechtrommel" - die Marschierer aus dem Takt.
Ihre Legitimation Ieitet sich nicht nur aus der Informations- und
Meinungsfreiheit ab, sondern auch daraus, dass die Herstellung von
Öffentlichkeit, Information und Diskussion die Grundlage für jede
Kultur darstellt. Mut zur Qualität heißt Bereitschaft, bestehende
Spielräume zu nutzen. Schon wer sie nicht nutzt, gibt sie auf.
Ratio-orientierte Meinungsbildung der Bürger braucht Qualitätspresse.
Politischer Verstand ist kein Erbstück kluger Eltern, sondern will
und muss immer wieder neu geweckt werden. Wie ein Muskel baut er ab,
wenn man ihn nicht fordert, fördert und
beweglich hält. Was Entscheidungsträger auf allen Ebenen ungern
glauben: Er ist vorhanden. Was der demonstrierende und auflaufende
Bürger ungern glaubt: Es gibt ihn aber auch in den Verwaltungen und
Parlamenten. Öffentlichen Verstand hüben und drüben nicht abzurufen,
wäre Vergeudung wichtiger Ressourcen. Es wäre Verzicht auf
erneuerbare Energie.
5. Qualitätsmedien bieten Orientierung in einer unübersichtlichen
Welt.
An Informationsvielfalt herrscht kein Mangel. An Lotsen durch die
Nachrichtenflut schon. Orientierungsmedien sind gesucht. Habermas
warnt: Demokratie dürfe sich bei Medien kein Marktversagen leisten.
Informationswissen ist ein Wissen über Fakten. Orientierungswissen
basiert auf Werten, Gründen und Zielen.
Manche Journalisten sind flinke Buchstabenzüchter, Textverarbeiter
und Zeilenschinder, sie leiden jedoch an Beziehungsschwäche zu ihren
Kunden. Diese vertrauen ihnen das Kostbarste an, das sie haben:
Lebenszeit. Dafür erwarten sie mit vollem Recht Verbraucherschutz.
Zwischen Ereignis und medialer Umsetzung lagen früher Wochen, Tage,
wenigstens eine Nacht. Etwas konnte sacken, hinterfragt, eingeordnet,
bewertet werden, bevor es am Morgen in der Zeitung stand. Satellit
und Internet lassen diesen Abstand gegen Null schrumpfen. Die medial
vermittelte Wirklichkeit ist inzwischen chaotischer als die
Lebenswirklichkeit selbst.
Qualitätsmedien suchen nach den hintergründigen Mustern und
Zusammenhängen im Chaos der Ereignisse. Suchen heißt nicht
herumstochern. Deshalb haben sie Kriterien, nach denen sie eine
Auswahl treffen. Diese sind überprüfbar und liegen offen.
So reduzieren sie die Komplexität der öffentlichen Wahrnehmung und
erhöhen die Komplexität des öffentlichen Handelns. Auch hier gehört
dem Mutigen die Welt, aber nur, wenn er auch weise ist.
Ich will gestehen: "Pfeifenbläser" als moderne Tugendträger lösen bei
mir gespaltene Gefühle aus. Die deutsche Geschichte von '33 bis '45 -
auch die von '45 bis '90 im Osten - rückt den Denunzianten für mich
in fragwürdiges Licht.
6. Qualitätsmedien setzen auf Diskurs und Dialog.
Gerade erleben wir eine erstaunliche Bewegung von der
Institutionen-Demokratie zur Bürgergesellschaft. Viele Gruppen widmen
sich konkreten Problemen, die sie aus eigener Erfahrung kennen. Sie
solidarisieren sich mit anderen, bündeln ihre Kräfte.
"Alleinvertretungsanspruch" von Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien
wollen sie nicht. Sie benutzen Medien mit Selbstverständlichkeit und
Kompetenz. Hier entsteht
demokratiepoIitisches Potential durch rasche Vernetzung, Transparenz,
Effizienz und Bürgernähe.
Qualitätsmedien begleiten und fördern das öffentliche Selbstgespräch
der Gesellschaft. Sie befeuern und bereichern es durch realitätsnahe
Beiträge. Damit verhindern sie auch eine Diktatur der 51 über die 49.
Die offene und dialogfähige Gesellschaft lässt jeden Lebensentwurf
zu, solange er nicht die Freiheit der anderen beengt.
7. Qualitätsmedien üben sich in sensibler Selbstkontrolle.
Durch technische Möglichkeiten haben sie einen früher nicht denkbaren
Grad von Allgegenwart erreicht. Mehr denn je spiegeln sie nicht nur
die Gesellschaft, sondern wirken auch auf deren Verhältnisse ein. Das
bedeutet einen Einflusszuwachs, dem
Verantwortung und Selbstkontrolle entsprechen müssen. Sie sind also
ihr eigenes Thema. Qualitätsmedien machen ein Angebot, das die Spreu
vom Weizen trennt und Maßstäbe übt. Das wird das Entstehen von Spreu
nicht verhindern. Schon Goethe wusste: "Die Flöhe und die Wanzen /
gehören mit zum Ganzen." Wir hätten es uns anzukreiden, wenn es kein
Streben nach besseren Alternativen gäbe. Gute Beispiele verderben
schlechte Sitten.
In den Medien gibt es zu oft einen strukturellen und habituellen
Zynismus, der moralische Verpflichtung in eigener Sache verwirft. Der
Journalist entfremdet sich damit von seinem ureigensten Geschäft,
nämlich der Kritik, wenn Maßstäbe der Selbstkritik
verloren gehen.
Qualitätsmedien wissen, dass nur eine Gemeinwohlbindung das
Legitimationsdefizit journalistischen Handelns verringern kann. Eine
Selbstverständlichkeit, die aber Mut erfordert. Fröhlichen Mut in
großer Gelassenheit.
8. Qualitätsmedien sind mehr wert als sie kosten.
Längst denken einige: Wie soll sich guter Wille denn rechnen?
Qualität kostet Geld. Wäre sie ein profitables leichtes
Geschäftsmodell, wären alle dabei. Anzeigenmärkte
sind unberechenbar. Moderate Abo-Preiserhöhungen gehen durch.
Die anschwellende Konkurrenz des Internets verführt Verlagsmanager
dazu, ihre noch unrentablen Onlinebabys zu früh zu hätscheln. Die
stolzen Eltern der New York Times jubeln, dass die im März geborene
"Bezahlschranke" ihnen schon 224.000 digitale Abonnenten für je 20
Dollar im Monat gebracht hat. Aber Print ist keine aussterbende
Gattung, die man vergessen kann.
Aus Amerika kommen auch unerwartete Signale. Medienforscher weisen
nach, dass Werbung in vertrauenswürdigen Blättern profitiert, weil
sie dort deutlich besser wirkt. Qualität schafft Vertrauen. Werbung
kann sich das ausleihen. Markenartikler brauchen Vertrauen.
Man hört von anderen Wissenschaftlern, dass 27 amerikanische
Tageszeitungen durch verbesserte Qualität einen Auflagenzuwachs
erleben. 98 Vergleichszeitungen schmierten ab. - In Deutschland hat
z.B. "Die Zeit" Auflagenzuwächse.
Natürlich gibt es in Verlagen und Sendeanstalten sinnvolle
Sparpotenziale. Moderne Formen der Zusammenarbeit in und zwischen den
Häusern verzichten auf Doppelund Dreifacharbeit. Sparstrategien und
Qualitätssteigerung sind keine Gegensätze, wohl aber Qualität und
Denkblockaden. Erfolg wird nicht herbei- oder davongeredet. Ihn
erzeugt das Produkt. Qualitätsmedien haben einen Wettbewerbsvorteil.
Sie setzen auf Glaubwürdigkeit. Diese Eigenschaft ist ihr
Alleinstellungsmerkmal. Sie ist kostbar, weil selten. Nach schweren
Einbrüchen der letzten Jahre ist Glaubwürdigkeit ein Lernziel - alle
Großgruppen der Gesellschaft - Parteien, Gewerkschaften, Kirchen
- büffeln das im Nachhilfeunterricht. Gute Noten in den diversen
Fächern sind wichtig. Kopfnoten erleben eine Renaissance.
Der Gesetzgeber ist gefordert. Noch immer werden in Deutschland
Kooperationsmodelle behindert, obwohl sie die Meinungspluralität
nicht gefährden. Dem naturwüchsigen Internet stehen die Parlamente
zögernd bis hilflos gegenüber. Ihre alten medienpolitischen
Lösungen passen nicht mehr zum neuen Problem. Das Web weigert
sich, die alten Klamotten aufzutragen.
Mut zur Qualität. Wir erleben gerade die Ambivalenz dieses Begriffes:
Wer nach Fukushima noch immer fröhlich drauflos Kernkraftwerke baut,
ist der mutig oder übermütig? Wer nach Stuttgart 21 noch immer meint,
Großprojekte im Hinterzimmer beschließen oder rein nach
bürokratischen Abläufen durchsetzen zu können, ist der nicht ein
seltsamer Draufgänger? Wer nach Rupert Murdochs Lauschangriffen noch
immer glaubt, auf ethische Mindeststandards verzichten zu können, der
spielt tollkühn
mit den Zukunftschancen seiner Produkte und Mitarbeiter.
Und wer noch immer glaubt, die Schuldenkrise Europas und der USA mit
ein paar Ereigniskärtchen auf dem Monopoly-Parcours regeln zu können,
ist nicht mutig son dern blind. Ihm wird die Zukunft um die Ohren
fliegen. Tollkühnheit wäre es, in einer unübersichtlichen Welt auf
eine verantwortliche und kompetente Presse zu verzichten.
Es gehörte sehr, sehr viel Mut dazu, die Folgeschäden auszuhalten.
Meine Damen und Herren,
nach meinem Beitrag wird der Alfred-Worm-Preis für investigativen
Journalismus vergeben. Alfred Worm hat unnachgiebig in die
Dunkelzonen der Macht geleuchtet und einer ganzen Generation junger
Journalisten Maßstab und Auftrieb gegeben.
Eine bessere Unterfütterung für meine Ausführungen kann ich mir nicht
wünschen.
Die Straße überqueren. - Das Deutsche Fernsehen zeigte es:
Da steht ein Mann am Rand der Place de la Concorde in Paris: Ulrich
Wickert, der langjährige Moderator der Tagesthemen.
Er hat die Hände in den Taschen, pfeift leise vor sich hin und
lächelt entspannt. Vielleicht ist ihm gerade ein gutes Interview
gelungen. Vielleicht hat er Feierabend und freut sich auf die kleine
Wohnung unterm Dach. Vielleicht ist er auf dem Weg in sein
Lieblingsbistro oder zum Rendezvous. Aber nun - hier stockte einem
der Atem - schickt er sich an, die Straße zu überqueren. Nicht an der
Ampel, sondern einfach drauflos, quer zur Fließrichtung des Verkehrs.
Und welch ein Verkehr! - Es ist Rush Hour, der Höhepunkt des
täglichen Wahnsinns. Eine lärmende Blechlawine quirlt um den Platz.
Peugeots, Renaults und Citroens jagen sich in Zehnerreihen. Sie
stürzen sich in jede Lücke, kämpfen um jeden Meter. "Survival of the
fittest". Es herrscht Anarchie. Nicht weit davon ein paar deutsche
Touristen. Auch die wollen rüber. Sie warten auf eine Lücke.
Aussichtslos. Einzelne werden leichtsinnig, machen tollkühne
Versuche, stehen für Sekunden zwischen den Karosserien, springen hin
und her, um auszuweichen und retten sich mit einem Sprung zurück auf
das Trottoir.
Nun dieser Mann. Man traut seinen Augen nicht. Energischen Schrittes
betritt er das gefährliche Terrain. Offenbar ein Selbstmörder, schaut
nicht links, nicht rechts, geht geradeaus, unbeirrt, lächelnd und
verletzlich, aber in der ganzen Souveränität des Kenners und
Genießers. Er hat ein Ziel und geht darauf los - nach dem Motto: Wer
nie sein Leben riskiert, der hat es schon verloren. Hindernisse
scheinen ihn nicht zu irritieren. Gefahren machen ihn erst richtig
munter. Das Leben ist kurz, die Welt ist rund, und so genießt er
beides in vollen Zügen, inmitten der PS-Bestien des Abendverkehrs.
Und siehe da: Bremslichter ringsum. Die Angreifer erschrecken. Das
Blechmeer teilt sich. Es lässt ihn durch wie das Rote Meer Moses. Da
er sich nicht fürchtet, kann ihn niemand bedrohen. Unbeirrt geht er
seinen Weg, geradeaus, noch zwanzig Schritte, zehn, fünf. Er erreicht
das Ufer, schreitet weiter, als ob nichts wäre.
Toll! - Solche Leute kann die Welt gebrauchen - und noch viele davon.
Leute, die dem Chaos Achtung abnötigen, weil sie ein Ziel haben.
Menschen, die sich nicht im kleinteiligen Vordergrund verheddern,
weil sie Weitblick haben. Männer und Frauen,
die sich nicht nur fragen: "Wo stehen wir?", sondern: "Wo wollen wir
hin?". Ohne Angst, vielleicht, weil sie die tieferen Regeln des
Spiels kennen. So wie der Dompteur im Zirkus die Zeichen seiner Löwen
und Tiger versteht. Und so weiß er, was er ihnen abverlangen und wie
weit er gehen darf.
Ulrich Wickert wusste: Auf der Place de la Concorde fährt man nicht
nach Verkehrsschildern und Regeln. Angepasst an wechselnde
Situationen kommt man voran.
Die alte Frau steht noch immer am Straßenrand. Wir fragen sie, warum
sie nicht losmarschiert. Sie schüttelt erschrocken den Kopf, denn sie
weiß: Einer heranrasenden Tonne Stahl hat sie nichts
entgegenzusetzen. Vielleicht gibt sie auf. Sie ist keine
Heldin. Sie braucht ihren ganzen Mut für die Beschwernisse des
Alters, für den Kampf mit Behörden und Ticket-Automaten, für die
vielen Abschiede, die das Alter so mit sich bringt. Vielleicht dreht
sie sich gleich um und verzichtet auf ihr Ziel. Vielleicht
ist sie ja schon auf dieser Straßenseite geboren...
Ich schreibe ins Gästebuch:
Auch wenn die großen Ideale an den Menschen scheitern - Medien, die
den Menschen nicht dienen, dienen zu nichts.
Ich danke Ihnen.
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