• 25.09.2011, 19:57:06
  • /
  • OTS0073 OTW0073

Wiener Zeitung: Reinhard Göweil aus Washington: "Der Euro-Schirm wird zum Euro-Zelt"

Euro-Rettungsfonds könnte über 1000 Milliarden Euro verfügen. Dünnes Ergebnis dürfte Finanzmärkte am Montag belasten. Griechenland-Schuldenschnitt von bis zu 70 Prozent erwartet.

Wien (OTS) - "Ist es neuerdings eine Krankheit, optimistisch zu
sein?" Die Frage von Herbert Stepic, Vorstandsvorsitzender von
Raiffeisen Bank International, ist symptomatisch für die Depression
auf den Finanzmärkten. Sogar der Präsident der Europäischen
Zentralbank, Jean-Claude Trichet, kann sich in Washington bei der
Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds, der schlechten
Stimmung nicht entziehen. "Europa ist das Epizentrum einer weltweiten
Krise", sagte er, und: "Es steht schlechter als 2008." Der Vergleich
vom Epizentrum kam zuerst vom brasilianischen Finanzminister, sein
italienischer Amtskollege Tremonti nahm ihn später auf. Nun Trichet.

"Am besten hätte die Veranstaltung in Washington nie stattgefunden.
Jeder redet hier in Washington mit jedem, und alle versichern
einander, dass es ganz furchtbar ist", seufzte ein hoher Notenbanker.
"Wir sind in einer psychologischen Abwärtsspirale, die keiner stoppen
kann oder will." Der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers
sagte ebenfalls, dass er seit 20 Jahren an Währungsfonds-Meetings
teilnimmt, aber noch nie eine gedrückte Stimmung erlebt hat. Das eher
dünne Abschluss-Dokument der Tagung dürfte - so die Einschätzung von
Spitzenbankern - die Finanzmärkte kommende Woche weiter belasten. "Am
Montag droht es an den Börsen noch einmal runter zu gehen", sagte
einer.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wollte jedenfalls einen
Kontrapunkt setzen: "Ich sehe keine Anlass zur Panikmache. Die
Nervosität der Märkte schlägt auf die Realwirtschaft durch, aber die
fundamentalen Zahlen sind nicht so schlecht." Schäuble räumte ein,
dass der Euro und die gemeinsame Geldpolitik "auf Dauer politische
Strukturen auf EU-Ebene braucht." Jetzt gehe es vorerst darum, die
Griechenland-Krise zu lösen. "Manchen muss die Konstruktion Europas
erklärt werden. Und Kollegen aus den Schwellen- und
Entwicklungsländern haben uns und die Amerikaner natürlich gefragt,
ob wir wissen, was wir da machen. Ich kann sagen, dass sich Europa
seiner Verantwortung voll bewusst ist."

"Vielen Bankern, Analysten, Aufsichtsbehörden, Regierungsleuten ist
der Glaube an das System abhanden gekommen", sagte ein Banker, der
auf sogenannten "road shows" auslotete, wie groß das Interesse an
Bankaktien sei (eher sehr gering). "Dafür wollte jeder wissen, welche
europäische Bank wohl als erste pleite geht." Anders Stepic. "Italien
lebt seit jeher mit einer Staatsschuld von über 100 Prozent, und gar
nicht schlecht. Jetzt soll es plötzlich nicht mehr gehen?" Eine gute
Frage.

Für die europäischen Banken wird es mittlerweile eng. "Unsere
Refinanzierung wird immer teurer, wir müssen uns langsam überlegen,
ob wir nicht aus manchen Geschäften aussteigen", sagte ein Banker.
Genau dieses Szenario fürchtet der Währungsfonds, da dies das
weltweite Wachstum immer weiter drücken würde, vor allem in Europa.

Vor diesem Hintergrund steigt der Druck auf die EU, beim
Euro-Rettungsschirm zu einer großzügigeren Lösung zu kommen. Der
britische Finanzminister Osborne verlangt eine Lösung der Euro-Krise
bis Mitte November. Dann treffen sich die Regierungschefs der 20
größten Länder der Welt (G-20) in Frankreich, um über neue globale
Lösungen der Krise zu beraten. "Europa muss seine Hausaufgaben bis
dahin gemacht haben", sagte ein hoher Weltbank-Manager.

Die Euro-Lösung spießt sich an Deutschland. Das größte EU-Land steht
vor einer harten Abstimmung. Dagmar Wöhrl, CSU-Abgeordnete im
Deutschen Bundestag, sagte zur Wiener Zeitung: "Ich werde für den
Rettungsschirm stimmen, aber war lange sehr skeptisch. Mehr als
jetzige Paket wird es aber sicher nicht geben." Er hat nun ein
Volumen von 440 Milliarden Euro, die von diesem Fonds flexibler als
früher eingesetzt werden können. "Ertüchtigt" sei der Rettungsfonds
worden, ennt es Schäuble. Der deutsche Finanzminister sagte aber
erstmals, dass es "keine Verschränkung mit der Europäischen
Zentralbank geben wird, aber andere Hebelwirkungen genutzt werden."
Welche, sagte er nicht. Aber der Fonds könnte Kredite aufnehmen, und
seine tatsächliche Leistung auf zirka 1000 Milliarden Euro erhöhen.

Genau darum geht es aber: Der EFSF genannte Euro-Schutzschirm könnte
so seine Feuerkraft deutlich erhöhen. Das könnte notwendig sein, weil
mittlerweile alle davon ausgehen, dass es bei Griechenland einen
Schuldenschnitt geben wird. "Das ist möglich, auch wenn das Land im
Euro bleibt. Aber es muss eine klare Lösung sein, und Griechenland
muss danach seine Souveränität verloren haben", sagte ein Banker.
"Anders würden es die privaten Gläubiger nicht akzeptieren." Im Raum
steht ein Schuldenschnitt, "haircut" genannt, von 50 bis 70 Prozent.
Griechenland hat mehr als 160 Milliarden Euro Schulden. Der Einbruch
der Staatseinnahmen macht es vermutlich unmöglich, diese Schulden in
absehbarer Zeit zu bedienen. "Diese Staatspleitewürde die Märkte
natürlich schocken. Aber wenn es eine klare Lösung ist, wäre der
Zacken nach unten auszuhalten", sagte ein Notenbanker. "Die deutschen
Banken würden darunter leiden." Möglicherweise mit ein Grund, warum
Deutschland so vorsichtig agiert. Schäuble: "Wir warten den Bericht
der Experten ab, der im Oktober vorliegen wird. Danach werden wir
entscheiden, ob die Beschlüsse vom Juli zur freiwilligen Beteiligung
privater Gläubiger noch zutreffen." Das wird - so die Einschätzung
von europäischen Spitzenbankern - eher nicht der Fall sein. "Wir
brauchen eine dauerhafte und überzeugende Lösung für Griechenland."
Das sieht auch der legendäre Investor George Soros so. Bei einer
Diskussion in Washington sagte er, dass es im gegenteiligen Fall "zu
einer globalen Kernschmelze des Finanzsystems" kommen werde.
Finanztransaktionssteuer

Von Weltuntergang wollen die Finanzminister nicht sprechen. Von
Budgetkonsolidierung aber schon. Die in der Wochenend-Ausgabe der
Wiener Zeitung veröffentlichten Pläne der EU-Kommission zur
Finanztransaktionssteuer werden am 4. Oktober in Brüssel von den
EU-Finanzministern erstmals besprochen.

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel