• 15.09.2011, 19:47:13
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das kuriose Wettrennen der Rebellen-Freunde" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 16.09.2011

Graz (OTS) - Noch sterben Rebellen und die Schergen von Muammar
al-Gaddafi im Kampf um die letzten Bastionen des gestürzten Diktators
und noch verhöhnt dieser von einem Versteck aus seine Gegner. Vor
allem aber: Noch weiß niemand, ob die Libyer es tatsächlich schaffen
werden, die menschlichen, politischen und wirtschaftlichen Folgen des
Bürgerkrieges zu verarbeiten.

Aber schon wetteifern in all dem Chaos diverse "Freunde des libyschen
Volkes", ihren Anteil am Sieg gegen Gaddafi zu betonen. Der türkische
Premier Recep Tayyip Erdogan wollte der erste Staatsgast sein, der
Libyens provisorische Führung in Tripolis umarmt - und das schon am
heutigen Freitag! Doch Erdogan kommt zu spät. Schon gestern tauchten
ohne Vorankündigung Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der
britische Premier David Cameron in Tripolis auf.

Die undiplomatische Eile hat gute Gründe: Nachdem vor allem die
französische Diplomatie den Ausbruch des "Arabischen Frühlings" in
Tunesien und Ägypten ziemlich verschlafen hat, will sich Sarkozy
nicht noch einmal im französischen "Vorgarten" jenseits des
Mittelmeers ausbooten lassen.

Vor allem aber spekulieren Franzosen und auch Briten auf lukrative
Bohrrechte in Libyen. Schließlich hat der Übergangsrat angekündigt,
dass bei Aufträgen für den Wiederaufbau vor allem jene Länder
berücksichtigt werden, die den Krieg gegen das Regime intensiv
unterstützt haben. Schlechte Karten daher für die Deutschen, die
Kampfeinsätze der Nato gegen Gaddafi stets ablehnten.

Für Nicolas Sarkozy war der Blitzbesuch in Tripolis auch eine Chance,
vergessen zu machen, dass er zu Beginn seiner Amtszeit Gaddafi in
Paris mit peinlichem Pomp empfangen hatte. Aber auch Erdogan wird
heute wohl nur von der Zukunft sprechen wollen, vom "Arabischen
Frühling" und dessen logischer Partnerschaft mit der islamischen
Türkei, und nicht von der Vergangenheit, als türkische Baukonzerne
milliardenschwere Verträge mit Gaddafi schlossen, an die Ankara nun
anknüpfen möchte.

Doch der erste Wunsch, den die Rebellen-Führer an ihre Freunde in
Paris, London und Ankara haben, hat nichts mit dem Wiederaufbau zu
tun. Sie wollen moderne Waffen, um Gaddafi endgültig zu vernichten.
Das ist gefährlich. Libyen strotzt bereits vor Waffen und es ist noch
unklar, wer dort künftig das Sagen haben wird.

Wer wie Sarkozy, Erdogan und Co. jetzt schon um Geschäfte buhlt,
sollte daher erst einmal sicherstellen, dass er nicht irgend einen
Rebellen-Bock zum libyschen Gärtner macht.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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