• 10.09.2011, 19:32:18
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"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Die Fackelträger" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom: 11.09.2011

Graz (OTS) - Den Kleinen macht Schule Spaß, doch mit der Zeit
versiegen Lust und Freude. Warum?

Für die Kinder und Jugendlichen im Süden ist es der letzte schöne
Ferientag, ehe, wie heißt es?, der Ernst des Lebens beginnt. So
spricht der Volksmund, der hier Unsinn spricht. Die Redeweise
suggeriert der Schule etwas dräuend Düsteres, wo doch alles zu
unternehmen wäre, die Bildungsstätten atmosphärisch und emotional
aufzuhellen und bei den Schülern ein Gefühl freudvoller Erwartung zu
wecken.

Es fällt auf, dass das bei den Jüngeren der Fall ist. Kinder sind
genetisch aufgepumpt mit Erfahrungsdurst und Neugier. Sie freuen
sich, wenn diese schönste Form der Gier gestillt wird. Das ist ein
enormes Kapital, das da dem System Schule am Eingangsportal zufällt.
Wieso nimmt diese positive Grundhaltung mit den Jahren tendenziell
ab, während der Grad der Frustration und Freudlosigkeit tendenziell
anschwillt? 80 Prozent innerfamiliärer Konflikte haben schulischen
Hintergrund. Warum ist das so? Eine Schulreform kann nur dann
glücken, wenn sie diese Kernfragen benennt und auch löst.

Es ist richtig, dass Schule nicht alles leisten und verantworten
kann. Sie ist keine Spaßfabrik. Im Ausnahmezustand der Pubertät muss
Agonie im Klassenzimmer auch nichts mit der Schule zu tun haben. Sie
ist auch ohnmächtig, wenn sie auf desinteressierte Eltern stößt, die
daheim keine Bildungsanreize setzen. Schule kann erzieherische
Hohlräume nicht ausgleichen. Da ist sie überfordert.

Aber es gibt auch systemimmanente Gründe dafür, dass Schule zu selten
als etwas Lustvolles erfahren wird. Ein überfrachteter Fächerkanon,
der nicht nach dem Wesentlichen fragt und der die Möglichkeiten
digitaler Wissensaneignung missachtet, kollidiert mit einem
Zeitkorsett, das für das Verstehen, Vertiefen und das Miteinander zu
wenig Raum lässt. Dieses Missverhältnis ist für Lehrende wie Lernende
unbefriedigend. Es erzeugt da wie dort Druck. Lernen ist nicht
sachlich. Lernen funktioniert nur über Beziehung. Und wenn die nicht
hergestellt werden kann, dann bleibt das Erlernte, kurzfristig
abrufbar, an der Oberfläche. Dann wird Schule zu jener
Vergessensmaschinerie, als die sie empfunden wird. Die Politik preist
ihre Angebote ganztägiger Schulformen, eine Halbherzigkeit. Hier wird
an das Vormittagssystem ein mehr oder weniger stilles Betreuungsmodul
angehängt. Das schafft noch kein neues Lernen.

Wichtiger freilich als alle Strukturfragen sind begeisterungsfähige
Lehrerinnen und Lehrer, die vom pädagogischen Impetus erfüllt sind,
den Kindern über den Fachehrgeiz hinaus Lust aufs Lernen und aufs
Leben zu wecken. Es gibt sie an allen Schulen. Sie müssen dort die
Fackelträger sein und in der Gesellschaft die Helden. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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