"OÖNachrichten"-Leitartikel: "Sein letzter Dienst für die Partei", von Christoph Kotanko

Ausgabe vom 5. September

Linz (OTS) - Die größten Enttäuschungen kommen oft von den erfüllten Wünschen. Wolfgang Schüssel wollte im Jahr 2000 Kanzler werden. Er eroberte nach verlorener Wahl den Ballhausplatz mit Hilfe der Haider-FPÖ, regierte sieben turbulente Jahre - und wurde nun von der Vergangenheit eingeholt.
Gestern legte Schüssel sein Nationalratsmandat zurück. Auslöser war die Telekom-Affäre, die tief in der schwarz-blau-orangen Ära wurzelt. Dieser Schritt ist ein Dienst an der Partei - und an sich selbst. Dass ihm die Parteispitze, alarmiert von matten Umfragedaten, den Abgang nahelegte, pfeifen in Wien die Spatzen von den Dächern. Die kommende Sondersitzung des Nationalrates wäre für Schüssel und die ÖVP extrem unangenehm geworden. Was immer er gesagt oder nicht gesagt hätte: dieses Match war nicht zu gewinnen. Mancher in der ÖVP fragt sich, warum Schüssel nicht schon vor dem Sommer ging. Er hätte sich und der Partei viel erspart.
Er könne nicht ausschließen, dass sein Vertrauen von einigen damaligen Politikern missbraucht wurde, formulierte der Schwarze beim Adieu. Das ist milde ausgedrückt. Wenn es in seiner Regierungszeit Korruption gab - Stichwort Eurofighter -, ist auch er in die Verantwortung zu nehmen. Und wenn schwarz-blaue Hauptdarsteller Schüssels Wappenspruch "mehr privat, weniger Staat" bewusst missverstanden, wird eine Mitverantwortung schlagend.
Umgekehrt kann man Schüssel nicht für Gesetzesbrüche haftbar machen, die nach seiner Regierungszeit passierten. Was der linkische Lobbyist, Ex-Innenminister Ernst Strasser, später in Straßburg anstellte, tangiert den Ex-Kanzler nicht.
Was bleibt von Schüssel? Das Bild vom Beifahrer in Haiders Porsche; das "Sanktionen"-Theater; die Erinnerung ans Reform-Stakkato bei Pensionen, Restitution, Uni, Sozialversicherungen.
Schüssel, der Techniker der Macht, der mit allen Mitteln die Wende wollte, ist eine historische Figur. Doch kläglich ist sein Abgang, umdüstert von Skandalen.

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