"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wie ein Sketch von Loriot" (Von Thomas Götz

Ausgabe vom 28.8.2011

Graz (OTS) - Nun wird sichtbar, welchen Preis Wolfgang Schüssel für die Kanzlerschaft gezahlt hat.

Es war viel los diese Woche. Loriot ist nicht mehr, Steve Jobs stellte sein Amt zur Verfügung, Gaddafi tritt nur noch als Bauchredner in Erscheinung und Hubert Gorbach . . .
Wie schön wäre es, hundert Zeilen der Dankbarkeit für den Erfinder des "Familienbenutzers" und der "Jodelschule" zu formulieren. Eine Eloge auf den Mann, der Computer von hässlichen Zeiträubern in praktische, schöne Endgeräte verwandelt hat, wäre auch keine Vergeudung. Selbst der Nato zu danken für ihren erfolgreichen Militäreinsatz in Libyen wäre ein Ansatz gewesen. Aber dann kam Hubert Gorbach . . .
Dabei ist der ehemalige Vizekanzler nur eine subalterne Figur in einem viel größeren Spiel. Langsam wird sichtbar, wie Österreich in den Jahren 2000 bis 2006 regiert wurde. Wie sich eine kleine Clique von Taschenspielern gemeinsam mit schamlosen Politikern und Managern staatsnaher Betriebe am öffentlichen Gut vergriffen hat. Haben soll, wohlgemerkt, sonst ist's strafbar.
Damals sonnte sich Kanzler Wolfgang Schüssel selbstgefällig im Ruhm, den Drachen FPÖ besiegt zu haben. Durch die Einbindung Jörg Haiders habe er dessen Nimbus gebrochen. Das hat eine Zeit lang sogar gestimmt. Heute kennen wir den Preis dafür: die Absenkung der Schamgrenze auf das Niveau einer Bananenrepublik.
Nun sucht die Justiz fieberhaft nach Beweisen und Zeugen, das Parlament wird wohl einen Untersuchungsausschuss einberufen, auch wenn die ÖVP noch zögert (warum eigentlich?). Vielleicht wird auch das eine oder andere Gesetz verschärft. Schützt das aber vor der Absenkung der Standards im öffentlichen Leben und nicht nur dort? Es würde schon genügen, wieder ein paar Grundsätzen Geltung zu verschaffen: Nicht alles Erlaubte ist automatisch anständig; Allgemeingut steht nicht zur freien Entnahme; Gegenleistung ohne Leistung ist sittenwidrig.
Wolfgang Schüssels Regierung hat wichtige Reformen durchgeführt, eine Pensionsreform wenigstens versucht, die Doppelgleisigkeit von Polizei und Gendarmerie beendet, längst überfällige Privatisierungen umgesetzt. All das droht nun zur Marginalie zu werden. In Erinnerung bleibt, dass Schüssel ein Kabinett von mutmaßlichen Strauchdieben angeführt hat. Im günstigsten Fall gesteht man ihm noch zu, davon nichts geahnt zu haben - auch kein Kompliment für einen Regierungschef. Es wird Zeit für Schüssel, zu reden.
Dass von all dem politisch ausgerechnet die Partei zu profitieren scheint, aus der all die dubiosen Figuren hervorgegangen sind, ist absurd wie ein Sketch von Loriot selig. ****

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