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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Niemand weiß, was nach Gaddafi kommen wird" (von Ernst Heinrich)
Ausgabe vom 23.08.2011
Graz (OTS) - Libyen steht vor einem historischen Machtwechsel.
Die Ära von Muammar al-Gaddafi geht in diesen Stunden unter dem
Ansturm der Rebellen blutig zu Ende. 42 Jahre lang hat der bizarre
"Bruder Führer" sein Land geprägt und beherrscht. Doch was kommt nach
ihm?
Der Nationale Übergangsrat der Aufständischen ist demokratisch nicht
legitimiert. Er hat 40 Mitglieder, aber nur 13 sind namentlich
bekannt - laut den Rebellen aus "Sicherheitsgründen". Können diese
Leute das von Stämmen dominierte riesige Staatsgebiet tatsächlich
zusammenhalten?
Die Rebellenregierung in der ostlibyschen Revolutionshauptstadt
Bengasi wird von den USA, den meisten europäischen Regierungen und
vielen arabischen Bruderstaaten längst schon als rechtmäßige
Vertretung des libyschen Volkes gesehen. Das gilt auch für die Nato.
Das Bündnis kämpft auf der Grundlage einer ursprünglich rein
humanitär ausgerichteten UN-Resolution als Kriegspartei an der Seite
der Aufständischen. Aber niemand im Westen weiß derzeit genau, wer
die Fäden in dieser Koalition der Gaddafi-Gegner zieht und auch die
Libyer selbst wissen es wohl nicht.
Nach außen hin wird der Rat sowohl von früheren Regime-Vertretern als
auch von Oppositionellen dominiert. "Präsident" Mustafa Abdel-Jalil
war Gaddafis Justizminister und auch "Außenminister" Mahmoud Jibril
ist ein in Ungnade gefallener Getreuer. Die anderen Frontfiguren des
Rats sind Bürgerrechtler und Rechtsanwälte.
In Libyen, das unter Gaddafis Regime die Demontage klassischer
staatlicher Institutionen erlebte, sind vor allem die Stämme
bedeutend. Daher werden unter den anonymen Ratsmitgliedern nicht nur
Gegner aus den noch vom Regime kontrollierten Gebieten sein, sondern
auch Stammesscheichs - und dazu wohl auch Islamisten aller Art.
Vor allem aber: Wird es diesem so inhomogenen Übergangsrat gelingen,
die moderaten Anhänger Gaddafis einzubinden? In Bengasi hatten sich
die Rebellen im Frühjahr noch zurückhaltend gezeigt. Gaddafi-Getreue
wurden zwar verhaftet, aber selten getötet. Aber wird der Volkszorn
nach sechs Monaten Kämpfen und Tausenden Opfern zu zügeln sein, wenn
der verhasste Diktator endgültig aufgeben hat?
Der Bürgerkrieg in Libyen war furchtbar. Doch wenn jetzt nicht alle
Libyer zusammenarbeiten, und das sagt sich sehr leicht nach so vielen
Grausamkeiten, könnten dem herbeigesehnten Frieden bald Anarchie und
Chaos folgen.****
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