Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Eurobond als ,Akte X'"

Ausgabe vom 17.8.2011

Wien (OTS) - Die jüngsten Reaktionen der Finanzmärkte erinnern eher an die Fernsehserie "Akte X" - dabei geht es um unheimliche und paranormale Vorfälle. Die plötzliche Flucht aus den Aktien ist ebenso wenig erklärbar wie das Faktum, dass die Zinsen auf die US-Staatsschuld sanken, als die Bonität des Landes herabgestuft wurde.

Eher im metaphysischen Bereich anzusiedeln sind auch Reaktionen mancher Politiker auf das Thema europäische Staatsanleihen. Finanzministerin Maria Fekter sprach von "Milliarden" an Mehrbelastung für die österreichischen Steuerzahler. Es ist anzunehmen, dass sie damit erfolgreich Boulevardzeitungen bedient. In Deutschland treiben ja auch die "Bild"-Zeitung und eine von allen guten Geistern verlassene FDP die CDU vor sich her, um nur ja nicht nachzugeben. Die tüchtigen Länder würden bei den sogenannten Eurobonds draufzahlen, so das Argument. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy erklärten daher sicherheitshalber schon vor ihrem Treffen, das sei kein Thema.

Nun, der wirtschaftlichen Realität hält diese Ablehnung nicht stand. Österreichs Staatsschuld wird derzeit mit etwa 2,9 Prozent verzinst. Eurobonds werden auf zirka 3,5 Prozent taxiert, da ein Ausfall Europas in etwa so wahrscheinlich ist wie ein Murenabgang in omanischen Sandwüsten. Und das alles erst auf neue Schulden, nicht auf die alten. In den kommenden Jahren würde sich die Zinsbelastung daher kaum erhöhen. Und in diesen Jahren sollten sich ja die Problemländer wirtschaftlich wieder erfangen und das Zinsniveau sinken.

Jedenfalls wäre der finanzielle Mehraufwand Europas durch Eurobonds geringer als die jetzt beschlossenen Rettungsschirme. Für Länder wie Portugal hätte es die enormen Zinsaufschläge auch nicht gegeben, das Problem wäre nicht so ausgeufert wie es das jetzt tut.

Aber ökonomische Vernunft und politisches Handeln gehen oftmals nicht Hand in Hand. Dieses Mal wäre es günstig gewesen, umso mehr als den Euroländern am Ende des Tages ohnehin nichts anderes übrig bleiben wird, als sich zu einer Art Bundesstaat zusammenzuschließen. Als Steuerzahler ist das zu begrüßen. Aber auch im Verhalten der Bürger gibt es paranormale Phänomene, wie die Ablehnung von "mehr Europa" zeigt. Solange aber die Regierenden ihre "Akte X" nicht schließen, wird sich daran nix ändern.

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