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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Zeit im Bild..."
Ausgabe vom 10.8.2011
Wien (OTS) - Alexander Wrabetz ist - wie erwartet - als ORF-Chef
wiedergewählt worden. Nun ist das ein wichtiger Posten, keine Frage.
Aber die politische Begleitmusik davor war so aufgeregt, man hätte
meinen könnte, es ginge um den Vorsitz der Europäischen Zentralbank.
Jedes Wort der Stiftungsräte wurde auf die Waagschale gelegt und
interpretiert. Ehemalige ORF-Chefs wie Monika Lindner und Gerd Bacher
durften in Interviews beklagen, wie furchtbar Wrabetz sei - und
vergaßen dabei, dass sie es waren, die bei der "Verpolitisierung" des
ORF kräftig mitgeholfen haben. Kräftiger jedenfalls als Alexander
Wrabetz bisher.
Dass politische Parteien dieses Spiel genüsslich mitspielten zeigt,
wie wertlos ihr Satz ist, der ORF müsse unabhängig berichten können.
Parteien haben natürlich Interesse daran, sich selbst im besten Licht
erscheinen zu lassen. Das ist legitim. Politische Interventionen sind
auch kein "ORF-Monopol", es gibt sie auch in Zeitungen und Magazinen.
Die Frage ist bloß, wie geht ein Medienunternehmen mit solchen
Interventionen um? Bei der - noch heute - von der FPÖ angegifteten
Skinhead-Reportage hat der Nicht-Journalist Wrabetz das
Redaktionsgeheimnis erfolgreich verteidigt. Dieses Kernstück des
freien Journalismus ist seither gestärkt.
Wie es um die wohl notwendigen inhaltlichen Reformen im ORF in den
kommenden Wrabetz-Jahren bestellt sein wird, wird sich aber erst
weisen. Dass die ÖVP bis zuletzt Wrabetz als "roten Parteibüttel"
abkanzelte, ihn am Schluss aber doch mit einer satten Mehrheit
ausstattete, ist kein so gutes Zeichen.
Nun ist es grundsätzlich wurscht, welche politische Einstellung ein
Journalist hat, wenn er nur ein guter Journalist ist. Was sich der
ORF allerdings nicht mehr leisten kann, sind redaktionelle
Postenbesetzungen, bei denen die politische Farbe wichtiger ist als
die Kompetenz.
Um als eigenständiger "Broadcaster" bestehen zu können, muss er
Top-Informationen liefern. Gerade in so turbulenten Zeiten hungern
viele Menschen nach validen Informationen. Als Beispiel: Eine "Zeit
im Bild" mit einer Länge von 17 Minuten ist für einen
öffentlich-rechtlichen Sender ein Armutszeugnis. Das Argument, das
ORF-Gesetz zwinge halt zum Sparen, mag als Ausrede herhalten, ersetzt
aber Gestaltungswillen und Unverwechselbarkeit nicht. Beides kann
eine neue ORF-Führung nun unter Beweis stellen, denn "Wrabetz II"
muss ganz anders funktionieren als "Wrabetz I".
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