WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Punkt, auf dem wir stehen, brennt lichterloh - von Hans Weitmayr

Nach dem Verlust des AAA für die USA wird der Druckauf Europa unerträglich

Wien (OTS) - An dieser Stelle wollen wir hier und heute die gute Absicht unterstellen. Wir wollen unterstellen, dass all die Warnungen gehört und verstanden wurden. Auch die, die ebenfalls hier, an dieser Stelle erfolgten: Die Rufe, dass die Krise von 2008 nicht ausgestanden sei, dass man sich wappnen müsse. Dass die nächste Welle schlimmer sein und angesichts fiskal erschöpfter Staaten noch brutaler über uns hereinbrechen würde als vor drei Jahren, damals, als die größte Rezession der Nachkriegszeit über die Welt schwappte. Wir wollen also davon ausgehen, dass die verantwortlichen Personen diese Warnungen ernst genommen und nicht ignoriert haben. Dass sie sich nicht satt zurückgelehnt, die Finger über den Bäuchen verschränkt und gegenseitig freundlich gratulierend zugezwinkert haben.

Wir wollen annehmen, dass ihnen die Dringlichkeit der Situation bewusst war und dass sie sich einfach verkalkuliert hatten. Dass sie dachten, sie hätten mehr Zeit, um die Nachwehen der Finanzkrise zu verdauen, die Konjunkturpakete wirken zu lassen, Defizite abzubauen, und - im konkreten Fall - Europa wieder auf Kurs zu bringen. Wir wollen unterstellen dass nicht politische Feigheit es war, die zu einem Diskussionsverbot über ein Herausschälen Griechenlands aus der Euro-Zone geführte hat. Wir wollen also - trotz gegenteiliger Beweislage - darauf hoffen, dass in der europäischen Politik ein Rest von Kompetenz, ein Rest von Vernunft herrscht. Und dass dieser in dem winzigen Zeitfenster zum Tragen kommt, das uns bleibt, bevor der Europäische Rettungsfonds unter der finalen Jagd - nicht Attacke -der Märkte auf Itailien implodiert.

Denn nachdem die USA ihr AAA verloren haben, wird der Druck der Märkte auf alles was riskant erscheint, unerträglich werden. Renditen auf spanische und italienische Anleihen werden die Refinanzierungskosten dieser Länder auf untragbare Höhen katapultieren. Bis dahin muss man sich endlich entscheiden, was man will: Einen europäischen Staat mit gemeinsamer Wirtschafts- und Finanzpolitik, für den als erster Schritt massiv Euro-Anleihen auf den Markt geworfen werden. Oder ein Weg, der die Peripherie aus der Eurozone herausschneidet und die jeweiligen abgewerteten Währungen in einen Warteraum zurückschickt. Lösung eins wäre ein Schritt vorwärts. Lösung zwei einer zurück. Der Autor dieser Zeilen versteigt sich nicht dazu, behaupten zu können, welcher Schritt der richtige ist. Tatsache ist aber, dass man sich bewegen muss. Vor oder zurück. Jetzt. Denn der Punkt, auf dem wir gerade alle stehen, brennt lichterloh.

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