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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Schweigen ist keine Alternative"
Ausgabe vom 29. Juli 2011
Wien (OTS) - Die Väter des Gedankens waren die Anarchisten des 19.
Jahrhunderts: Mit der Idee von der "Propaganda der Tat" wollten sie
Unterstützung und Sympathien bei der Bevölkerung gewinnen. Mittel zum
Zweck waren Anschläge und Attentate.
Erst die Tat schafft nach dieser Logik den Nährboden für Ideen. "Wir
müssen", so schrieb 1870 der russische Anarchist Michail Bakunin,
"unsere Prinzipien nicht mit Worten, sondern mit Taten verbreiten,
denn dies ist die populärste, stärkste und unwiderstehlichste Form
der Propaganda." Eine radikalere Absage an die Idee der
parlamentarischen Demokratie lässt sich kaum denken.
Auch der Attentäter von Oslo und Utöya hat sich ganz auf die
Propagandakraft seiner Tat verlassen. Ihre Ungeheuerlichkeit zog die
Öffentlichkeit weltweit in ihren Bann. Seine wirre Weltsicht in
geschriebener Form scheint der zigfache Mörder quasi nur zur
ergänzenden Erläuterung hintennach gedacht zu haben.
Nun tauchen die ersten Stimmen auf, die die Frage stellen, ob der
enorme Umfang der Berichterstattung über den Attentäter, über seine
Ziele und Gedanken, nicht dessen Plänen eigentlich in die Hände
spielt. Oder anders ausgedrückt: Würde nicht die beabsichtigte
Propaganda der Tat ohne Öffentlichkeit einfach wirkungslos verpuffen?
Allein schon der Gedanke ist angesichts unserer atemlosen
Mediengesellschaft absurd. Allerdings gibt es durchaus Bereiche, in
denen sich die Medien aus gesamtgesellschaftlicher Verantwortung
kollektiv ein Schweigegebot auferlegt haben. Die Berichterstattung
über spektakuläre Selbstmorde etwa erfolgt aus Angst vor
Nachahmungstätern, wenn überhaupt, so doch höchst dezent.
Aber auch aus grundsätzlichen Überlegungen wäre Schweigen keine
Lösung. Ja, Breivik wollte größtmögliche Berichterstattung für seine
Tat, deshalb hat er sie in dieser Form geplant und ausgeführt.
Aufgabe einer aufgeklärten Öffentlichkeit ist es nun,
Erklärungsversuche für die Tat und ihre psychischen wie politischen
Hintergründe zu finden. Nur so lassen sich die Folgen für die
Angehörigen der Opfer wie für die Gesellschaft bewältigen.
Wer dieses Ziel preisgibt - und sei es aus dem verständlichen Grund,
der Tat ihre Propaganda zu nehmen -, verabschiedet sich auch von der
Grundüberzeugung unserer demokratischen Gegenwart: dass
Erkenntnisgewinn nur im aufgeklärten öffentlichen Diskurs zu finden
ist. Nicht im Schweigen.
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