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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zwischen Sinnleere und psychischer Störung" (Von Andre Anwar, Oslo)
Ausgabe vom 25.07.2011
Graz (OTS/Pressestimmen) - Noch sind nicht alle Hintergründe
und Motive des 32-jährigen Norwegers Anders Breivik bekannt. Aber ein
grauenhaftes Bild beginnt Konturen anzunehmen. Grauenhaft nicht nur
wegen der Tat selbst, sondern auch, weil sie so schwer in gängige
Raster einzuordnen ist. Der Doppelanschlag von Oslo kann auch als
makabres Extrembeispiel der heutigen Politikverdrossenheit und
Sinnleere junger Menschen in westlichen Demokratien gesehen werden.
Ein Mensch muss psychisch krank sein, wenn er tut, was Breivik getan
hat. Aber da ist noch mehr. Da handelt es sich um einen allem
Anschein nach intelligenten und politisch engagierten Mann in einem
der reichsten und sozial gerechtesten Länder der Welt. Er ist ein
Eigenunternehmer, ein Macher, der mit Computern und Gemüse handelt,
nicht um reich zu werden, sondern um gerade so viel Geld zu haben, um
seine politischen Anschauungen unters Volk zu bringen. Er glaubt
zunächst an die Demokratie, an liberalen Antiautoritarismus,
engagiert sich jahrelang bei den Freimaurern und den norwegischen
Rechtspopulisten, die im Vergleich zu ähnlichen Parteien in Europa
gemäßigter sind. Anders Breivik trägt laut mit dazu bei, seine Partei
zu einer der stärksten politischen Kräfte des Landes zu machen.
Angetrieben wird er vom in Mode gekommenen Hass auf Moslems und auf
alles Etablierte. Letzteres ist im kleinen, zentral gesteuerten
Norwegen zu finden mit einem in Jahrzehnten etablierten und kaum noch
durchlässigen System von Seilschaften um die Arbeiterpartei. Breivik
will das verändern. Doch er merkt, dass er nur ein kleines Rädchen
ist. Er gleitet in eine diffuse rechtsextreme Gedankenwelt ab. Das
Internet, in dem jeder genau das findet, was er lesen möchte,
ermöglicht ihm die gedankliche Vertiefung. Er nimmt einen Irrweg mit
katastrophalen Folgen.
Breivik ist kein verschrobener Einzelgänger wie die Attentäter in
Finnland. Er war im etablierten politischen System eingebunden und
gesellschaftlich engagiert, mehr als viele weltfremde Jungpolitiker,
die Jura studieren und um der Karriere willen in die Partei ihrer
Eltern eintreten. Mit Ende 20 wird der zunächst gemäßigt rechte
Politaktivist immer extremer. Die norwegische Demokratie kann ihn
nicht mehr einbinden. Ihn bindet auch nicht die für die meisten
Bürger des erdölreichen Landes realistische Aussicht auf Glück durch
Wohlstand und Konsum.
Irgendwo zwischen diesem Unvermögen der immer technokratischer
werdenden Zentraldemokratie und einer psychischen Störung des Täters
liegen 93 Menschenleben begraben. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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