"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Futterautomat für niedrigste Instinkte" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 09.07.2011

Graz (OTS) - Nein, wirklich fein waren die britischen Boulevardmedien noch nie. "Gotcha!!! (Erwischt) titelte die "Sun" in Riesenlettern, nachdem im Falklandkrieg 1982 die britische Marine den argentinischen Kreuzer Belgrano versenkt hatte. Dass dabei 323 Menschen ums Leben gekommen waren, wurde eher nebenbei behandelt.

Die ruchlose Schlagzeile ist nur eines von vielen Beispielen, wie brutal britische Medien, allen voran jene von Rupert Murdoch, ihr Geschäft betreiben. Und auch dafür, wie innig Politiker aller Couleurs mit ihnen verbunden sind. Natürlich war der durchaus umstrittenen Kriegsherrin Margaret Thatcher das "Gotcha" lieber als die Titelmitteilung "323 dead".

Auch in Wahlkämpfen drückte man gerne drei Augen zu, solange die medialen Schmutzkübel in Richtung des Mitbewerbers flogen. Und wenn Mitglieder des Königshauses bei intimsten Telefonaten belauscht, wenn sie in ungünstigsten Momenten fotografiert und anschließend öffentlich angeprangert wurden, quälten sich die eben an der Macht Befindlichen allenfalls ein paar bedauernde Worte ab. Mit Typen, wie Rupert Murdoch und seinesgleichen wollte man es sich nicht verderben, der nächste Wahlkampf käme ja bald.

Als Zwischenfrage darf man stellen, warum es in einer so etikettebewussten Nation wie Großbritannien ein so breites Publikum für Schmutz und Schund gibt. Die Antwort liegt vermutlich in der Frage selbst: Gerade eine von Standesdünkeln und Prüderie geprägte Gesellschaft ist ein williges Sammelbecken für Verfehlungen gegen den allgemein verordneten Benimmdich.

Damit könnte man leben, mit der haarsträubenden Medienpolitik wohl nicht. Just im Mutterland des noblen Journalismus (selbst Winston Churchill schrieb einst für "News of the World") lässt man es zu, dass von Geldgier und Geltungssucht getriebene Tycoone, Drogendealern gleich, mit hohem Profit die Hirne von Millionen Bürgern vergiften dürfen.

Und das breitflächig: Allein Rupert Murdochs Einfluss deckt derzeit 37 Prozent des britischen Printmarkts ab.

Womit wir beim Urheber und Verantwortlichen der aktuellen Affäre wären: Systematisch hat er ein früher angesehenes Blatt zum Futterautomaten für die niedrigsten Instinkte gemacht. 168 Jahre nach seiner Gründung hat er es an die Wand gefahren. Rund 250 Arbeitnehmer verlieren ihre Existenz. Und das will Herr Murdoch als tätige Rechenschaft verstanden wissen.

Das ist ein wirklicher Skandal. "News of the World" wird darüber wohl nicht berichten.****

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