- 02.07.2011, 18:39:32
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Schule braucht mehr Zeit" (Von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 3.7.2011
Graz (OTS) - Die Schulen schließen unnötig früh am Tag, und sie
schließen unnötig lang im Sommer.
An vielen Schulen fadisieren sich die Schüler den Ferien entgegen.
Der hohe Stellenwert der Beurteilung führt dazu, dass mit der
Notenfestlegung ab Mitte Juni Unterricht kaum noch stattfindet. Die
Schule franst aus. Auf den Überdruck mit dem Schularbeiten-Rodeo
Anfang Juni setzt eine Schubumkehr ein, mit Maßnahmen zur Förderung
der Gemeinschaft, des Filmverleihs oder der Bewegung. Glaubwürdig
sind die Aktivitäten nicht, sonst fänden sie verwoben unter dem
Schuljahr statt und nicht an dessen Rändern. Es sind Maßnahmen zur
Überbrückung von Zeit.
Das kann kein Bildungsziel sein. Diese Art Vorferien sind so unnötig
wie die überlangen Sommerferien und die träge Startphase im
September. In Summe sind das drei Monate Auszeit. Dieses
Regenerationsloch ist für Schüler wie Lehrende zu groß. In dieser
Dehnung braucht es niemand. Es schadet zudem beiden, weil es
Druckstellen unter dem Jahr bedingt.
Das System Schule gehört also nicht nur vom teuren und gängelnden
bürokratischen Überbau befreit (weg mit allem, was mit dem Suffix
-räte endet!). Es gehört nicht nur inhaltlich auf ein neues Fundament
gestellt, mit einem entschlackten Fächerkanon, der Naheliegendes
bündelt (Bio, Ch, Ph), Fehlendes integriert (Wirtschaft!) und sich
auf das Wesentliche konzentriert. Das System Schule gehört vor allem
auch zeitlich neu rhythmisiert.
In nordischen Ländern bieten Schulen, die alle im freien Wettbewerb
stehen, im letzten Feriendrittel Camps für Lernschwache an, auch
Spezialkurse für Begabte. Warum nicht auch bei uns? Wer holt
Nachhilfe zurück in die Verantwortung der Schule und wirbt damit?
Eine neue Zeitachse und Rhythmik benötigt auch der schulische Alltag
selbst. 160.000 "Ganztagsplätze" will die Unterrichtsministerin in
den nächsten Jahren errichten. Das klingt schön, aber es ist wie so
vieles in der Bildungspolitik halb gegart. Gemeint ist nämlich mehr
oder weniger inspirierte Nachmittagsbetreuung.
Das ist besser als nichts, aber schlechter als das, was notwendig
wäre: ein Aufbrechen der stupid in den Vormittag hineingepressten
Abfolge von asthmatisch getakteten Unterreichseinheiten sowie eine
pädagogisch sinnvolle Rhythmisierung in den Nachmittag hinein.
Schüler und Lehrer brauchen mehr Zeit miteinander. Nur so ist
Beziehung möglich, und Lernen funktioniert nur über Beziehung. Nur so
ist es möglich, das Erlernte zu festigen, in Beziehung zu setzen,
anzuwenden und aus all dem Handlungs- und damit Lebenskompetenz zu
erwerben. Das geht. Mit portioniertem, unzusammenhängendem Stopfen im
50-Minuten-Takt geht es nicht. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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