"Kleine Zeitung" Kommentar: "Spindelegger hat Modul Bildung doch bestanden" (Von Eva Weissenberger)

Ausgabe vom 29.06.2011

Graz (OTS) - Würde die Bundesregierung, die Oberstufe der heimischen Politik, nach dem Modulsystem arbeiten, stünde im Zeugnis des Vizekanzlers: Michael Spindelegger hat das Modul Bildungspolitik doch noch bestanden.
Die Bundesregierung beschloss gestern die Oberstufenreform. In Zukunft wiederholen Schüler nicht mehr ganze Klassen, nicht einmal den ganzen Jahresstoff eines Faches, sondern lernen nur mehr das Modul nach, in dem sie nicht genügt haben. Dafür nützt ein Einser in Geometrie im Wintersemester nichts, wenn man Algebra im Sommersemester nicht kapiert. Begabte ziehen Module vor, um in einzelnen Fächern früher zu maturieren und schon Univorlesungen zu belegen, während sich die Klassenkameraden noch mit dem Stoff der 7. Klasse plagen.
Genau das haben Sie in dieser Zeitung schon vor zwei Wochen gelesen? Stimmt, sehr aufmerksam - nur Spindelegger wollte das nicht verstehen. Dabei trennt bei diesem Thema nicht einmal ein ideologischer Graben die Lager: Alle wollen schlechte Schüler fördern, gute fordern und Noten nicht verschenken. Eine Revolution ist das Modulsystem nicht, dafür hätte man den Klassenverband nach amerikanischem Vorbild auflösen und ein echtes Kurssystem einführen müssen.
Also gab es ein bisschen Getue und, damit Spindelegger sein Gesicht wahren kann, wurde eine Nuance verändert: Mit drei Fünfern steigt man nicht mehr automatisch auf, sondern nur, wenn die Lehrerkonferenz zustimmt, und das nur ein Mal. Was in der Praxis keinen Unterschied bewirken wird, denn, dass ein Schüler sechs Module oder mehr noch aufholen könnte, wäre auch nach dem ursprünglichen Plan die Ausnahme von der Ausnahme geblieben. Das zeigen die einschlägigen Schulversuche: In der neuen Oberstufe geben fast genauso viele Schüler auf wie bisher, aber diejenigen, die bleiben, kommen schneller ans Ziel.
Eh alles paletti? Spindelegger wollte den Anwalt der Leistungsstarken spielen und hat dabei eine der wenigen Leistungen, welche die Koalition in diesem Schuljahr vorweisen kann, schlechtgeredet. Er hat den Eindruck vermittelt, Partei- sei ihm wichtiger als Bildungspolitik. Aber gut, um im Bild zu bleiben, er ist ja der Vorzugsschüler aus der 6. Klasse, der erst zu Ostern in die 7. versetzt wurde.
Warum ihn Werner Faymann bei der Wählerverwirrung unterstützt hat, bleibt des Kanzlers Geheimnis. Bang blickt man dem Modul Bundesheer im Wintersemester entgegen. Das haben dieses Semester beide geschwänzt.****

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