• 27.06.2011, 19:47:14
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Despoten lassen sich nicht so leicht verjagen" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 28.06.2011

Graz (OTS) - Einen Frühling lang hat der arabische
Freiheitstraum die Welt begeistert. In Ägypten und Tunesien darf
dieser Traum zwar noch weitergeträumt werden. Doch in Libyen, im
Jemen und nun auch in Syrien wird uns allen einmal mehr drastisch vor
Augen geführt, dass sich die Despoten nicht so leicht verjagen
lassen.

Dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi hat man zu Beginn des
Volksaufstandes noch angeboten, dass er irgendwo im Exil sein
Beduinenzelt aufbauen dürfe; in Venezuela etwa, in Saudi-Arabien oder
in Mali. Aber Gaddafi selbst denkt nicht daran. Vollmundig verkündet
er stattdessen, der Märtyrertod sei "millionenfach besser" als die
Kapitulation.

Auf den internationalen Haftbefehl, der gestern gegen ihn erlassen
wurde, wird er mit neuen Hasstiraden reagieren und ihn ähnlich ernst
nehmen wie sein sudanesischer Kollege Omar al-Bashir, also
schlichtweg ignorieren. Und bei aller Berechtigung, Gaddafi nun wegen
Massenmordes anklagen zu wollen: Dieser Haftbefehl erschwert die -
zwar nur theoretische - Chance, dem libyschen Diktator doch noch
einen Ausweg ins Exil zu öffnen.

Nun ist Libyen zwar ein wichtiger Ölproduzent, aber geo-strategisch
eher bedeutungslos. Ganz anders hingegen Syrien. In Damaskus wird
zwar Präsident Baschar al-Assad schwächer, aber sein Bruder Maher
erstarkt. Selbst wenn Baschar von der Staatsspitze entfernt würde -
Maher, ein hemmungsloser Sadist, der mit seinen Elitetruppen
unvorstellbare Grausamkeiten verübt, ist mit seinen Gefolgsleuten in
Armee, Geheimdienst und Wirtschaft in den letzten Jahren ungeheuer
reich geworden. Diese Leute gewinnen an Einfluss mit jedem Einsatz
gegen die "terroristischen Kräfte", wie die Revolte offiziell heißt.
Sie haben alles zu verlieren und würden um den Erhalt des Systems bis
zum Letzten kämpfen.

Vor allem aber ist Syrien ein Schlüsselstaat in der Region mit
Kontakten zu den Islamisten der Hamas in Gaza und zur Hisbollah im
Libanon. Was in Syrien geschieht, betrifft den ganzen Nahen Osten.
Nicht zuletzt deshalb scheut die Welt vor einer UN-Resolution zurück.
Dabei wäre ein Militäreinsatz in Syrien moralisch so gerechtfertigt
wie in Libyen.

Der Sturz von Tyrannen ist ein berauschender Moment der
Gerechtigkeit. Leider aber gelingt er nur selten "programmgemäß". Für
die arabische Welt ist zu befürchten, dass auch kein noch so
internationaler Haftbefehl Männer wie Gaddafi oder Assad hindern
wird, mit dem Rücken an der Wand ihre Gewaltherrschaft bis zum
letzten Atemzug aufrechtzuerhalten.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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