- 21.06.2011, 16:32:48
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Bitte unterschreiben..."
Ausgabe vom 22. Juni 2011
Wien (OTS) - Die Unterschriften zum Bildungs-Volksbegehren laufen
zäh. Erstaunlich, wenn die Zahl der mit dem Schulbetrieb
unzufriedenen Schüler, Eltern und Lehrer in Betracht gezogen wird.
Weniger erstaunlich, wenn die Zurückhaltung des gelernten
Österreichers vor der eigenen Meinung eingerechnet wird. Was sich
aber derzeit bei der "Oberstufe neu" abspielt, kann nur im Satz
münden: Bitte unterschreiben.
Zuerst verkünden Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) und ihr
ÖVP-Verhandlungspartner, der Abgeordnete Werner Amon, die Reform. Sie
sieht vor, dass Schüler mit bis zu drei Nicht genügend aufsteigen und
das fehlende Wissen in Modulform (aber in der nächsthöheren Klasse)
nachholen können. Die Schulversuche dazu laufen zufriedenstellend.
Dann kommen Landespolitiker der ÖVP und sind dagegen, im Gefolge will
ÖVP-Obmann Spindelegger alle auf Feld 1 zurücksetzen. Besser ist
nicht zu illustrieren, wie es um die zersplitterte Bildungskompetenz
in Österreich bestellt ist. Vorarlberg in Ehren, aber so anders geht
es dort auch nicht zu wie im Rest Österreichs.
Die "Oberstufe neu" hat einen entscheidenden Vorteil: "Lern-Module"
würden dem hoffnungslos veralteten, aber gerne gepflogenen
Frontal-Unterricht sukzessive den Garaus machen. Schüler, die sich
über mehrere Stunden fächerübergreifend und in Gruppen mit einem
Themenbereich auseinandersetzen können, begreifen in der Regel
Zusammenhänge schneller.
Warum dieser pädagogische Ansatz ein politisches Thema sein soll,
weiß niemand. Das einzig Politische daran ist die Defensive der
Volkspartei, weil sie ein Schulbild verteidigt, das mit dem 21.
Jahrhundert inkompatibel ist, aber auch die Geschmeidigkeit der SPÖ
dabei. Schulen und Lehrer sollten möglichst autonom sein, darüber
eine Behörde, die für Ausbildung der Lehrer, die Organisation und die
Lernziele zuständig ist. Und eine Lehrergewerkschaft, die nicht ihre
jeweiligen Fraktionsmitglieder auf gute Posten hievt.
Solange das nicht erreicht wird, geht Österreich mit seinen Talenten
fahrlässig um, was sich irgendwann bitter rächen wird - in Form von
Wohlstandsverlust. Aber dann sind die jetzigen Bildungspolitiker
vermutlich allesamt schon lange in Pension.
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