Wittgenstein-Preise 2011 an den Ozeanographen Gerhard Herndl und an den Zellbiologen Jan-Michael Peters

Acht Spitzen-NachwuchsforscherInnen neu in das prestigeträchtige START-Programm aufgenommen.

Wien (OTS) - Wissenschafts- und Forschungsminister Karlheinz Töchterle gab heute im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz mit FWF-Präsident Christoph Kratky die diesjährigen Wittgenstein-Preisträger und acht neu in das START-Programm aufgenommenen NachwuchswissenschafterInnen bekannt. Insgesamt werden in den kommenden fünf bzw. sechs Jahren den zehn ForscherInnen rund 12,6 Mio. EUR für ihre wissenschaftlichen Arbeiten zur Verfügung stehen.

"Die im besten Sinne des Wortes ausgezeichneten WissenschafterInnen stehen für 'Spitzenforschung - Made in Austria' und stellen eindrucksvoll unter Beweis, wie breit unsere heimische Forschung aufgestellt ist. Ich gratuliere allen Ausgezeichneten sehr herzlich und freue mich auf die kommende hochkarätige Forschung, die wir heute ermöglichen", so Wissenschafts- und Forschungsminister Karlheinz Töchterle. Gerade im Bereich der Förderung von exzellenten NachwuchswissenschafterInnen löse der START-Preis einen Hebel für wissenschaftliche Erfolge aus, "die die Attraktivität des Forschungsstandortes Österreich ausmachen."

"WissenschafterInnen beziehen ihre Motivation einerseits aus der Möglichkeit ihren selbstgewählten Forschungsinteressen nachgehen zu können, anderseits aus der Anerkennung durch die Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Community. Das START-Programm und der Wittgenstein-Preis kombinieren diese beiden Aspekte auf idealtypische Weise", führt Christoph Kratky, Präsident des Wissenschaftsfonds, aus.

Bereits zum 16. Mal wurden heuer die START- und Wittgenstein-Auszeichnungen vergeben und der Kreis der im Rahmen dieser Programme prämierten WissenschafterInnen wurde um zehn Personen erweitert. Die Wittgenstein-Preise 2011 gehen an Gerhard Herndl, Professor für Meeresbiologie an der Universität Wien und Jan-Michael Peters, Senior Scientist und Scientific Deputy Director am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien.

Gerhard Herndl, geboren 1956 in St. Pölten, promovierte im Jahr 1982 im Fach Zoologie an der Universität Wien und wurde 1983 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zoologie der Universität Wien, wo er nach Erlangung der Venia docendi für das Fach Ökologie im Jahr 1992 ab 1994 bis 1997 Assistenzprofessor war. Diese "1. Wiener Zeit" wurde durch einen zweijährigen Forschungsaufenthalt in den Jahren 1988 und 1989 unterbrochen, als Gerhard Herndl PostDoc am Scripps Institute of Oceanography, University of California at San Diego war. Im Jahr 1997 wurde Gerhard Herndl zum Leiter des Departments für Biologische Ozeanographie am Königlich Niederländischen Institut für Meeresforschung bestellt. Diese Funktion hatte er 11 Jahre lang inne. Knapp zwei Jahre nach seiner Übersiedlung wurde Gerhard Herndl im Jahr 1999 zum Professor für Biologische Ozeanographie an der Universität Groningen ernannt. Auf seine Zeit in den Niederlanden folgte 2008 mit dem Ruf als Professor für Meeresbiologie die Rückkehr an seine Alma mater, an die Universität Wien. Er wurde somit Nachfolger seines Mentors Jörg Ott; seit Jänner 2009 ist Gerhard Herndl darüber hinaus 'Adjunct Senior Scientist' am Königlich Niederländischen Institut für Meeresforschung (nicht zuletzt, um weiter Zugang zu erstklassiger Infrastruktur zur Erforschung der Tiefsee zu haben).

Seit Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeit hat sich Gerhard Herndl mit Fragen mikrobieller Meeresökologie beschäftigt und in diesen mehr als 25 Jahren essenzielle Beiträge zu einem besseren Verständnis mikrobieller Vorgänge und Zusammenhänge in den Weltmeeren geleistet. Seine Forschungsergebnisse haben dazu geführt, dass Lehrbücher neu bzw. umgeschrieben werden mussten. Obwohl Gerhard Herndl sich mit sehr spezifisch anmutenden Fragestellungen der Meeresbiologie beschäftigt, wird schnell klar, dass Prozesse wie die Stoffwechselaktivität von Tiefsee-Mikroorganismen und deren Rolle in den Stoffkreisläufen von essenzieller Bedeutung für das Verstehen der größten Ökosysteme auf der Erde sind, zumal die Tiefsee ca. 80% des gesamten Wasservolumens der Ozeane darstellt.

Die Rolle der Mikroorganismen in der Tiefsee besser zu verstehen ist nicht nur ein Gebot der Gegenwart - Stichworte "Fukushima" und "Deepwater Horizon" - sondern trägt dazu bei, die Bedeutung des Ökosystems "Meer" für das System "Erde" genauer einschätzen zu können. Gerhard Herndls ganzheitlicher Ansatz mikrobielle Meeresökologie zu betreiben, führt dazu, dass in seiner Forschung Komplexitätsgrade erreicht werden, die sich nur mittels einer Fülle methodischer Zugänge und unterschiedlichster Fragestellungen bewältigen lassen. So gesehen ist es ein Glücksfall, dass es gelungen ist, Gerhard Herndl und sein gesamtes Team nach Österreich zu holen, um das Wissen, die Erfahrung und das Know how in Bereichen wie Biogeochemie und mikrobieller Ozeanographie um Aspekte der Biotechnologie zu erweitern. "Wir wissen heute mehr über die Oberfläche des Mondes als über die Tiefsee. Daran möchte ich etwas ändern", sagt Gerhard Herndl. Und: "Der Wittgenstein-Preis soll dazu beitragen, die unbekannten, dunklen Tiefen der Weltmeere und ihre zentrale Rolle für die biogeochemischen Flüsse und Kreisläufe der sich im Wandel befindlichen Ozeane und ihre Bedeutung für das Weltklima besser zu verstehen", gibt Gerhard Herndl die Perspektive für seine weitere Forschung vor.

Jan-Michael Peters, geboren 1962 in Heide, Schleswig-Holstein, studierte ab 1982 Biologie an der Universität Kiel und wechselte während des Diplomstudiums an die Universität Heidelberg (Diplom 1988), wo er bereits drei Jahre später, 1991, sein Dokotoratsstudium abschloss. Es folgten zwei PostDoc-Jahre an der Universität Heidelberg und daran anschließend zwei weitere Jahre an der Harvard Medical School. Im Jahr 1996 verließ Jan-Michael Peters die USA und wurde Group Leader am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien, dem er seitdem angehört. Im Jahr 2002 avancierte Jan-Michael Peters zum Senior Scientist am IMP, seit 2011 ist er dessen stellvertretender wissenschaftlicher Direktor.

Jan-Michael Peters Forschung zielt auf das Verstehen der Chromosomenverteilung bei der menschlichen Zellteilung ab. Bei allen Zellteilungen, die in jedem Augenblick des Lebens im menschlichen Körper stattfinden, wird das Genom in Form von 46 Chromosomen an die sich bildenden Tochterzellen weiter gegeben. Dieser Vorgang gewährleistet Gesundheit und die Aufrechterhaltung der Identität, bzw. erzeugt durch die Kombination mütterlicher und väterlicher Genome bei der Befruchtung einer Eizelle ein neues Individuum. Umgekehrt kann die Veränderung des Genoms, zum Beispiel in Tumorzellen, zu fatalen Erkrankungen führen. Die Arbeiten von Jan-Michael Peters haben wesentlich zum Verständnis der molekularen Mechanismen beigetragen, durch die das Genom von einer Zellgeneration zur nächsten vererbt wird. Insbesondere haben Peters und sein Team die Funktion von Proteinkomplexen aufgeklärt, die sicherstellen, dass bei jeder Zellteilung die sich bildenden Tochterzellen die korrekte Anzahl an Chromosomen und damit eine vollständige Kopie des Genoms erhalten. Diese Erkenntnisse sind von zentraler Bedeutung für die zellbiologische Grundlagenforschung und für das Verständnis von Erkrankungen, die auf Fehlverteilung von Chromosomen beruhen.

Der Wittgenstein-Preis ist Österreichs höchstdotierter und prestigeträchtigster Wissenschaftspreis, der seit 1996 durch den FWF vergeben wird. Wittgenstein-PreisträgerInnen stehen für wissenschaftliche Forschungsarbeiten bis zu 1,5 Mio. EUR für die Dauer von fünf Jahren zur Verfügung. Der Wittgenstein-Preis ist ein so genannter "Dry prize", das heißt, die Gelder stehen ausschließlich für die intendierte Forschung und hier insbesondere für die Anstellung junger WissenschafterInnen zur Verfügung.

Der Entscheidungsvorschlag - basierend auf Fachgutachten ausländischer ExpertInnen - wurde von der Internationalen START- und Wittgenstein-Jury zusammengestellt. Die Jury setzt sich aus renommierten WissenschafterInnen aus dem Ausland zusammen, um eine bestmögliche Objektivierung der Entscheidung sicherzustellen. Die Jury tagte Ende letzter Woche unter der Vorsitzführung von Sheila Jasanoff, Professorin an der Kennedy School of Government, Harvard University.

Neben dem Wittgenstein-Preis wurden acht Spitzen-NachwuchsforscherInnen aus 56 Bewerbungen in das START-Programm aufgenommen. Die START-Auszeichnung ist die höchstdotierte und anerkannteste Förderung für NachwuchsforscherInnen, die aufgrund ihrer bisher geleisteten wissenschaftlichen Arbeit die Chance erhalten sollen, in den nächsten sechs Jahren finanziell weitgehend abgesichert, ihre Forschungsarbeiten zu planen und eine eigene Arbeitsgruppe auf- bzw. auszubauen. Nach drei Jahren haben sie sich einer Zwischenevaluierung zu stellen. Die START-Projekte sind mit jeweils bis zu 1,2 Mio. EUR dotiert.

Die neu in das START-Programm aufgenommenen WissenschafterInnen -in alphabetischer Reihenfolge - sind:

Peter BALAZS
"Frames und Lineare Operatoren für
Akustische Modellierung und Parameter-Schätzung"
Institut für Schallforschung, ÖAW, Wien
peter.balazs@oeaw.ac.at

Agata CIABATTONI
"Nichtklassische Beweise: Theorie, Automatisierung, Anwendung" Institut für Computersprachen
TU Wien
agata@logic.at

Sebastian DIEHL
"Dissipative und getriebene Vielteilchen-Quantensysteme"
Institut für Theoretische Physik
Universität Innsbruck
sebastian.diehl@uibk.ac.at

Alwin KöHLER
"Die Rolle der Kernporen für die Regulation der Genexpression" Department für Medizinische Biochemie,
Medizinische Universität Wien
alwin.koehler@mfpl.ac.at

Thomas MüLLER
"Graphen-basierte Photonik"
Institut für Photonik
TU Wien
thomas.mueller@tuwien.ac.at

Peter RABL
"Quantendynamik von opto- und nanomechanischen Systemen"
Institut für Quantenoptik und Quanteninformation, ÖAW, Innsbruck peter.rabl@uibk.ac.at

Michael SIXT
"Zytoskelettvermittelte Krafterzeugung und Kraftübertragung bei wandernden Leukozyten", IST Austria
sixt@ist.ac.at

Philip WALTHER
"PhoQuSi - Photonische Quantensimulation"
Institut für Quantenoptik und Quanteninformation, Universität Wien philip.walther@univie.ac.at

Sowohl das START-Programm als auch der Wittgenstein-Preis sind für alle wissenschaftlichen Disziplinen offen. Die beiden Programme werden seit 1996 durchgeführt.

Rückfragen & Kontakt:

FWF, Stefan Bernhardt
Tel.: +43 1 5056740 DW 8111
Mobil: +43 664 8588797
stefan.bernhardt@fwf.ac.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | FWF0001