• 20.06.2011, 09:53:11
  • /
  • OTS0044 OTW0044

WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Sauerstoffvorrat für Griechenland - von Hans Weitmayr

Das Land verliert täglich weiter an Glaubwürdigkeit

Wien (OTS) - Der Gipfelmarathon, auf dem es um die Rettung
Griechenlands geht, ist in vollem Gang. Längst hat das Publikum den
Überblick darüber verloren, wer wem aus welchem Topf was und wieviel
überweisen soll, wer was und wieviel erhält und für wen das Ganze
jetzt ein Geschäft oder einen Verlust darstellt. Nicht einmal klar
ist, wer eigentlich gerettet werden soll: Griechenland, die
Peripherie, Belgien? Angeblich geht es ja inzwischen um die gesamte
EU. Oder Europa, auf jeden Fall um alles.

Tatsächlich ist all das irgendwie egal. Am Ausgangspunkt steht:
Griechenland - und was mit dem Land geschehen soll. Atemlos wird
versucht, immer neue Zwölf-Monats-Horizonte aufzuzeigen, nach denen
alles wieder gut wird, Griechenland an die Märkte zurückkehrt und
sich wieder selbst refinanzieren kann. Wir erinnern uns: Ziel des
ersten Hilfspakets war es, dieses Comeback 2012 zu schaffen. Davon
ist längst keine Rede mehr, allenfalls fällt noch das Jahr 2013.

Genau diese kurze Sichtweise ist es aber, die den Druck auf das Land
erhöht. Bei der geringsten Komplikation platzen die unerfüllbaren,
von IWF und EU gezeichneten Szenarien. Griechenland verliert täglich
- und diesmal unverschuldet - an Glaubwürdigkeit, was die
Risikoaufschläge steigen lässt und die freie Refinanzierung
verunmöglicht.

Das Land braucht also eines: Deutlich mehr Luft. Wir reden von einem
Zeithorizont, der zumindest zehn Jahre umfasst. Den kann man sich auf
zwei Arten verschaffen. Erstens:EU und IWF übernehmen für
Griechenland zehn Jahre die Rolle der Finanzmärkte, kaufen die fällig
werdenden Staatsanleihen auf, verzichten auf Zinszahlungen,
ermöglichen dem Land so einen Budgetüberschuss, der wiederum den
Spielraum für echte strukturelle - nicht infrastrukturelle -
Maßnahmen schafft. Diese Reformen müssen streng überwacht,
Fehlverhalten sanktioniert werden.

Die zweite Lösung wäre: Staatspleite. Jetzt. Verbunden mit einem
Austritt Griechenlands aus der Währungsunion. Das Land könnte
abwerten, private Gläubiger müssten einen Haircut hinnehmen, IWF und
EU sprängen auch hier, aber mit geringeren Mitteln ein, weil der
Großteil vom privaten Sektor aufgefangen wird. Die Differenz aus
Lösung eins und zwei würden diese beiden Institutionen zur Stützung
-diesmal wirklich - systemrelevanter Banken verwenden.

Realistisch ist der dritte Weg: Endloses Herumlavieren, das Setzen
von Teilschritten und das Schnüren von Maßnahmepaketen bis die
Steuerzahler endgültig das Interesse an der Sachlage verlieren. Die
Konsequenz: Ein Szenario à la Japan, das inzwischen auf sein drittes
verlorenes Jahrzehnt zusteuert.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel