- 19.06.2011, 19:43:59
- /
- OTS0072 OTW0072
"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Griechen sind selbst schuld an ihren Politikern" (Von Gerd Höhler)
Ausgabe vom 20.06.2011
Graz (OTS/Vorausmeldung) - Die größte Kalamität des
griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou besteht darin,
dass er seinen Partnern in Europa eine Politik verspricht, die von
großen Teilen der griechischen Gesellschaft nicht mitgetragen wird.
Und schon gar nicht von der eigenen sozialistischen Partei. Der geht
so ziemlich alles an diesem Konsolidierungsprogramm gegen den
ideologischen Strich, von den Kürzungen im öffentlichen Diesnt bis zu
den Privatisierungen. Schließlich dienten Behörden und Staatsbetriebe
jahrzehntelang dazu, verdiente Genossen mit gut dotierten Posten zu
versorgen. Da Abstriche zu machen, fällt den Athener Politikern
schwer. Einfacher ist es, Renten zu kürzen und Steuern zu erhöhen.
Die eigenen Pfründe ließen die Poliker bisher unangetastet. Braucht
das Elmillionenvolk der Griechen 300 Abgeordnete, reichen nicht 200?
Warum benötigt Griechenland 16 Ministerien, wenn Portugal mit elf
auskommt? Während das Land immer tiefer in den Rezessions- und
Schuldenstrudel gerät, spielen die Parteien ihre gewohnten Spielchen.
Größter politischer Traumtänzer in Athen ist der konservative
Oppositionschef Antonis Samaras. Er will allen Ernstes die
Konditionen des Hilfsprogramms, auf dessen Grundlage EU und IWF
bereits 53 Milliarden Euro nach Athen überwiesen haben, rückwirkend
neu aushandeln. Ist das nun politische Naivität oder Hybris? Als sei
Athen in der Lage, seinen Gläubigern nachträglich Bedingungen zu
stellen!
Angesichts solcher politischer Laienspiele ist es auf den ersten
Blick verständlich, dass die Griechen die Schuld für die Misere bei
den Politikern suchen. Allabendlich beschimpfen die Demonstranten bei
ihren Protestversammlungen auf dem Syntagmaplatz die Abgeordneten als
"Diebe" und "Verräter".
Ein Parlament ist der Spiegel der Gesellschaft, auch das griechische.
Darauf haben vergangene Woche elf angesehene griechische Professoren
in einem offenen Brief hingeweisen. Er enthält einige unbequeme
Wahrheiten. Die Verfasser fragen: "Tragen wir als Volk wirklich keine
Verantwortung für die gegenwärtige dramatische Lage? Haben wir nicht
jahrzehntelang mit Massenprotesten die Reform unseres Rentensystems
blockiert?"
Das sind Fragen, die sich die Griechen stellen müssen. Was das Land
durchmacht, ist nich tnur eine Finanzkrise oder eine Krise des
politischen Systems. Es ist eine Krise der griechischen Gesellschaft.
Darin liegt das Drama der Griechen. Es könnte leicht in einer
Tragödie enden. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ






