• 08.06.2011, 13:49:06
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Blut - Chance und Risiko

Die Plattform Patientensicherheit informiert über neue Studien und Initiativen zum verantwortungsvollen Umgang mit gespendetem Blut bzw. Blutprodukten

Wien (OTS) - Die Gabe von Fremdblut ist trotz der ausgezeichneten
Produktsicherheit in Österreich noch immer mit Folgerisiken
verbunden. Eine wissenschaftliche Untersuchung an 15 Österreichischen
Krankenhäusern zeigt,

- dass die Transfusionsraten in Österreich weit über den
   internationalen Werten liegen, 
 - dass es große Unterschiede in der Verwendung von Blutkomponenten
   in den Krankenanstalten gibt,
 - dass nur fünf bis zehn Prozent der heute transfundierten
   chirurgischen Patienten wirklich eine Transfusion bräuchten.

Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Beratungsinstituts
OEKONSULT erwarten sich 96% der ÖsterreicherInnen einen
verantwortungsvollen Umgang mit gespendetem Blut.
Es besteht Handlungsbedarf, einerseits im Hinblick auf die Kosten für
das Gesundheitssystem, andererseits in Bezug auf eine umfassende
Fort- und Weiterbildung des medizinischen Personals. Damit Kosten
gesenkt, Risiken vermieden und Behandlungserfolge kontinuierlich
verbessert werden, stellt die Plattform Patientensicherheit das
Konzept des "Patient Blood Managements" (PBM) vor.

Am 14. Juni ist Welt-Blutspende-Tag - ausgerufen von der
Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dieser Tag ist ein guter Anlass,
allen freiwilligen Blutspendern zu danken, die mit ihrem Engagement
einen wichtigen und unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren unseres
Gesundheitssystems leisten. Die Blutspendebereitschaft ist aber
leider im Abnehmen begriffen, und gleichzeitig entsteht durch unsere
immer älter werdende Bevölkerung ein Bedarf nach immer mehr
gespendetem Blut, da ältere Menschen auch öfter und mehr Blut bei
operativen Eingriffen brauchen.

Blut birgt auch Gefahren

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Gabe von
Fremdblut nicht immer lebensrettend, sondern in manchen Fällen sogar
gefährlich sein kann. Dir.in Dr.in Brigitte Ettl, Ärztliche
Direktorin des Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum
Rosenhügel und Obfrau der Plattform Patientensicherheit, begründet
das Engagement der Plattform Patientensicherheit zum Weltblutspende
Tag: "Die Plattform Patientensicherheit hat sich zur zentralen
Aufgabe gemacht, die Patientensicherheit in Österreich durch
Forschung, Koordination von Projekten und Information zu fördern.
Transfundierte Patienten haben, trotz der ausgezeichneten
Produktsicherheit, immer ein Restrisiko. Ein sorgsamer Umgang mit
Spenderblut bedeutet in jedem Fall somit auch mehr Sicherheit für
Patienten und nicht nur eine Schonung der finanziellen Ressourcen."

Prim. Dr. Friedrich Marian, Vorstand der Abteilung für
Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landesklinikum Mistelbach
Gänserndorf, begründet den Handlungsbedarf auf diesem Gebiet
folgendermaßen: "Gerade in Zeiten, in denen die Spendebereitschaft
nachlässt und die Zahl der Operationen mit hohem Blutverlust steigt,
ist es umso wichtiger, alle Maßnahmen zu setzen, um den Verbrauch von
Fremdblut und Blutprodukten zu senken."

Univ. Prof. Dr. Hans Gombotz, Leiter der Abteilung für
Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am AKH Linz ergänzt:
"Natürlich gibt es Situationen, in denen man transfundieren muss,
wahrscheinlich sind das aber nur fünf bis zehn Prozent der jetzt
transfundierten chirurgischen Patienten. Bei den anderen könnte durch
ein konsequentes Patient Blood Management nicht nur eine deutliche
Kostenersparnis, sondern auch eine Verringerung von Folgerisiken
erreicht werden."

"Spenderblut 2011": Die Meinung der österreichischen Bevölkerung

Für 95% durch das Beratungsunternehmen OEKONSULT befragten
ÖsterreicherInnen ist Blut etwas ganz Besonderes. Keine andere
Flüssigkeit ist derart hoch bewertet. 96% der Umfrageteilnehmer
erwarten sich einen verantwortungsvollen Umgang mit dem gespendeten
Blut. OEKONSULT-Chef Joshi M.A. Schillhab erläutert die zentralen
Ergebnisse der Meinungsforschung: "Die Umfrageteilnehmer zollen den
freiwilligen Blutspendern großen Dank und sie kritisieren aufs
Schärfste jede Verschwendung dieses ganz besonderen Saftes". Dass
Blutkonserven auch dann zum Einsatz kommen, wenn es dafür keine
schlüssige medizinische Notwendigkeit gibt, hat bei 88% der
Umfrageteilnehmer Unverständnis und Verunsicherung hervorgerufen.
Zwei Drittel der Befragten befürchten, dass der leichtfertige Umgang
mit Spenderblut im Spital längst Alltag wäre. 81 Prozent fordern die
verpflichtende Einbeziehung von Blutmangementmaßnahmen in das
Prozedere von Operationen." Die repräsentative Umfrage "Spenderblut
2011" des Forschungs- und Beratungsinstitutes OEKONSULT unter 1331
Personen der heimischen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren ist vollständig
unter www.oekonsult.at abrufbar.

Ergebnisse der Benchmarkstudie II

Die Bundesgesundheitsagentur hat nun zum zweiten Mal eine
Benchmarkstudie in Auftrag gegeben. Diese umfassende
wissenschaftliche Analyse befasste sich mit der Verwendung von
Fremdblut in Österreich. Dabei wurden die absoluten Zahlen und
Unterschiede im Blutverbrauch unter 15 österreichischen
Krankenanstalten untersucht. Die zentralen Ergebnisse sind:

- Eine deutliche Reduktion des Verbrauchs von Blutkomponenten
   gegenüber der ersten Benchmarkstudie bei vielen teilnehmenden
   Krankenanstalten. "Dieser Erfolg unterstreicht die Notwendigkeit
   einer weiteren, kontinuierlichen, systematischen Datenerfassung",
   erläutert Ministerialrat Dr. Johann Kurz vom Bundesministerium für
   Gesundheit
 - Die Transfusionsraten liegen aber noch immer weit über den
   internationalen Werten
 - Rund 60 Prozent der angeforderten Blutkomponenten wurden nicht
   transfundiert
 - Viele Patienten kommen anämisch (blutarm) auf den
   Operationstisch, obwohl eine vorhergehende Behandlung der Anämie
   möglich wäre
 - Die Variabilität des Blutverbrauchs zwischen den Krankenanstalten
   ist zu hoch: 
   o Bei Hüftgelenksersatz um den Faktor eins zu acht
   o Bei Kniegelenksersatz sogar um den Faktor eins zu 18.

Das bedeutet, dass in einem Krankenhaus A bei derselben Anzahl an
Operationen acht beziehungsweise 18 Mal so viel Blut verbraucht wird
wie im Krankenhaus B.

Patient Blood Management: Der sorgsame Umgang mit Blut und
Blutprodukten

In einer Subgruppenanalyse der Benchmarkstudie konnte gezeigt
werden, dass durch das Konzept des "Patient Blood Managements" (PBM)
Transfusionen um den Faktor 10 gesenkt werden können - bei gleich
gutem oder sogar besserem Behandlungsergebnis! Das PBM beruht auf
drei zentralen Säulen:

- Vorbehandlung der anämischen Patienten (Eisengabe und andere
  blutbildende Maßnahmen in den Wochen vor der Operation)
- Systematische Minimierung von Blutungen und Blutverlusten bei der
  Operation
- Erhöhung der Anämietoleranz (z.B. durch Verbesserung des
  Sauerstofftransports)

Ministerialrat Dr. Johann Kurz vom Bundesministerium für
Gesundheit fasst die Bedeutung des Patient Blood Management wie folgt
zusammen: "Das Konzept beruht auf einer wissenschaftlich fundierten
Datenbasis, bringt dem Patienten nachvollziehbar einen Nutzen und
bietet gleichzeitig beträchtliche Einsparungspotentiale."

Der Kostenaspekt von Patient Blood Management

Die Transfusionskosten betragen in Österreich bis zu einer
Milliarde Euro pro Jahr. Dazu gehören die direkten, wie etwa Blut und
transfusionsbedingte Leistungen und die indirekten Kosten, z.B. wenn
Transfusionen den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. Durch das
PBM kann ein großer Teil dieser Kosten eingespart werden, wie
Univ.-Prof. Dr. Gombotz betont: "Insgesamt stellt das
Transfusionswesen einen wesentlichen und kostenintensiven Bestandteil
der modernen Medizin dar. Eine optimale Anwendung dieser Produkte
spart Kosten, verbessert den Heilungsverlauf und ist bei dem künftig
zu erwartenden steigenden Bedarf von Blutkomponenten auf Grund der
demographischen Entwicklung von eminenter Bedeutung." Patienten- und
Pflegeanwalt sowie Vorstandsmitglied der Plattform
Patientensicherheit Dr. Gerald Bachinger ergänzt: "Ziel muss es sein,
dass Fremdblut nur dort verwendet wird, wo es unbedingt notwendig ist
und in einem Ausmaß, das unbedingt notwendig ist. Die
Benchmarkstudien müssen bundesweit und verpflichtend fortgesetzt
werden und das international bewährte Modell des Patient Blood
Management ist in allen Krankenanstalten Österreichs umzusetzen"

Fortbildung zu Patient Blood Management

An der Med Uni Graz wird ab dem Wintersemester ein eigener
postgradueller Lehrgang für "Patient Blood Management" angeboten.
Dieser wird eng mit dem postgraduellen Lehrgang für
Patientensicherheit in Wien zusammenarbeiten. Weitere Aus- und
Fortbildungen zu diesem Thema werden von den Experten für alle
Gesundheitsberufe gefordert.

Über die Plattform Patientensicherheit

Die Plattform Patientensicherheit (ANetPAS) ist ein unabhängiges
nationales Netzwerk, das sich aus hochkarätigen Einrichtungen und
Experten des österreichischen Gesundheitswesens zusammensetzt, die
sich mit Patientensicherheit und Qualitätssicherung beschäftigen. Die
Plattform wurde 2008 mit Unterstützung des Bundesministeriums für
Gesundheit, Frauen und Jugend am Institut für Ethik und Recht in der
Medizin, Universität Wien, errichtet und ist als Collaborating
Partner ins europäische Netzwerk EUNetPaS eingebunden. Der Plattform
Patientensicherheit, unter der Leitung von Dr. Brigitte Ettl,
ärztliche Direktorin am Krankenhaus Hietzing und Dr. Maria
Kletecka-Pulker vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin,
gehören Experten an, die sich mit Patientensicherheit und
Qualitätssicherung beschäftigen.

Weitere Informationen: www.plattformpatientensicherheit.at

Die vollständigen Presseunterlagen finden Sie unter:
http://www.publichealth.at/p-56117.html.

Pressefotos unter: http://www.fotodienst.at/browse.mc?album_id=3467

Rückfragehinweis:
Public Health PR
Michael Leitner
Tel.: 01/60 20 530-92
Mail: [email protected]
Web: www.publichealth.at

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