Blut - Chance und Risiko

Die Plattform Patientensicherheit informiert über neue Studien und Initiativen zum verantwortungsvollen Umgang mit gespendetem Blut bzw. Blutprodukten

Wien (OTS) - Die Gabe von Fremdblut ist trotz der ausgezeichneten Produktsicherheit in Österreich noch immer mit Folgerisiken verbunden. Eine wissenschaftliche Untersuchung an 15 Österreichischen Krankenhäusern zeigt,

  • dass die Transfusionsraten in Österreich weit über den internationalen Werten liegen,
  • dass es große Unterschiede in der Verwendung von Blutkomponenten in den Krankenanstalten gibt,
  • dass nur fünf bis zehn Prozent der heute transfundierten chirurgischen Patienten wirklich eine Transfusion bräuchten.

Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Beratungsinstituts OEKONSULT erwarten sich 96% der ÖsterreicherInnen einen verantwortungsvollen Umgang mit gespendetem Blut.
Es besteht Handlungsbedarf, einerseits im Hinblick auf die Kosten für das Gesundheitssystem, andererseits in Bezug auf eine umfassende Fort- und Weiterbildung des medizinischen Personals. Damit Kosten gesenkt, Risiken vermieden und Behandlungserfolge kontinuierlich verbessert werden, stellt die Plattform Patientensicherheit das Konzept des "Patient Blood Managements" (PBM) vor.

Am 14. Juni ist Welt-Blutspende-Tag - ausgerufen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dieser Tag ist ein guter Anlass, allen freiwilligen Blutspendern zu danken, die mit ihrem Engagement einen wichtigen und unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren unseres Gesundheitssystems leisten. Die Blutspendebereitschaft ist aber leider im Abnehmen begriffen, und gleichzeitig entsteht durch unsere immer älter werdende Bevölkerung ein Bedarf nach immer mehr gespendetem Blut, da ältere Menschen auch öfter und mehr Blut bei operativen Eingriffen brauchen.

Blut birgt auch Gefahren

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Gabe von Fremdblut nicht immer lebensrettend, sondern in manchen Fällen sogar gefährlich sein kann. Dir.in Dr.in Brigitte Ettl, Ärztliche Direktorin des Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel und Obfrau der Plattform Patientensicherheit, begründet das Engagement der Plattform Patientensicherheit zum Weltblutspende Tag: "Die Plattform Patientensicherheit hat sich zur zentralen Aufgabe gemacht, die Patientensicherheit in Österreich durch Forschung, Koordination von Projekten und Information zu fördern. Transfundierte Patienten haben, trotz der ausgezeichneten Produktsicherheit, immer ein Restrisiko. Ein sorgsamer Umgang mit Spenderblut bedeutet in jedem Fall somit auch mehr Sicherheit für Patienten und nicht nur eine Schonung der finanziellen Ressourcen."

Prim. Dr. Friedrich Marian, Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landesklinikum Mistelbach Gänserndorf, begründet den Handlungsbedarf auf diesem Gebiet folgendermaßen: "Gerade in Zeiten, in denen die Spendebereitschaft nachlässt und die Zahl der Operationen mit hohem Blutverlust steigt, ist es umso wichtiger, alle Maßnahmen zu setzen, um den Verbrauch von Fremdblut und Blutprodukten zu senken."

Univ. Prof. Dr. Hans Gombotz, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am AKH Linz ergänzt:
"Natürlich gibt es Situationen, in denen man transfundieren muss, wahrscheinlich sind das aber nur fünf bis zehn Prozent der jetzt transfundierten chirurgischen Patienten. Bei den anderen könnte durch ein konsequentes Patient Blood Management nicht nur eine deutliche Kostenersparnis, sondern auch eine Verringerung von Folgerisiken erreicht werden."

"Spenderblut 2011": Die Meinung der österreichischen Bevölkerung

Für 95% durch das Beratungsunternehmen OEKONSULT befragten ÖsterreicherInnen ist Blut etwas ganz Besonderes. Keine andere Flüssigkeit ist derart hoch bewertet. 96% der Umfrageteilnehmer erwarten sich einen verantwortungsvollen Umgang mit dem gespendeten Blut. OEKONSULT-Chef Joshi M.A. Schillhab erläutert die zentralen Ergebnisse der Meinungsforschung: "Die Umfrageteilnehmer zollen den freiwilligen Blutspendern großen Dank und sie kritisieren aufs Schärfste jede Verschwendung dieses ganz besonderen Saftes". Dass Blutkonserven auch dann zum Einsatz kommen, wenn es dafür keine schlüssige medizinische Notwendigkeit gibt, hat bei 88% der Umfrageteilnehmer Unverständnis und Verunsicherung hervorgerufen. Zwei Drittel der Befragten befürchten, dass der leichtfertige Umgang mit Spenderblut im Spital längst Alltag wäre. 81 Prozent fordern die verpflichtende Einbeziehung von Blutmangementmaßnahmen in das Prozedere von Operationen." Die repräsentative Umfrage "Spenderblut 2011" des Forschungs- und Beratungsinstitutes OEKONSULT unter 1331 Personen der heimischen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren ist vollständig unter www.oekonsult.at abrufbar.

Ergebnisse der Benchmarkstudie II

Die Bundesgesundheitsagentur hat nun zum zweiten Mal eine Benchmarkstudie in Auftrag gegeben. Diese umfassende wissenschaftliche Analyse befasste sich mit der Verwendung von Fremdblut in Österreich. Dabei wurden die absoluten Zahlen und Unterschiede im Blutverbrauch unter 15 österreichischen Krankenanstalten untersucht. Die zentralen Ergebnisse sind:

  • Eine deutliche Reduktion des Verbrauchs von Blutkomponenten gegenüber der ersten Benchmarkstudie bei vielen teilnehmenden Krankenanstalten. "Dieser Erfolg unterstreicht die Notwendigkeit einer weiteren, kontinuierlichen, systematischen Datenerfassung", erläutert Ministerialrat Dr. Johann Kurz vom Bundesministerium für Gesundheit
  • Die Transfusionsraten liegen aber noch immer weit über den internationalen Werten
  • Rund 60 Prozent der angeforderten Blutkomponenten wurden nicht transfundiert
  • Viele Patienten kommen anämisch (blutarm) auf den Operationstisch, obwohl eine vorhergehende Behandlung der Anämie möglich wäre
  • Die Variabilität des Blutverbrauchs zwischen den Krankenanstalten ist zu hoch: o Bei Hüftgelenksersatz um den Faktor eins zu acht o Bei Kniegelenksersatz sogar um den Faktor eins zu 18.

Das bedeutet, dass in einem Krankenhaus A bei derselben Anzahl an Operationen acht beziehungsweise 18 Mal so viel Blut verbraucht wird wie im Krankenhaus B.

Patient Blood Management: Der sorgsame Umgang mit Blut und Blutprodukten

In einer Subgruppenanalyse der Benchmarkstudie konnte gezeigt werden, dass durch das Konzept des "Patient Blood Managements" (PBM) Transfusionen um den Faktor 10 gesenkt werden können - bei gleich gutem oder sogar besserem Behandlungsergebnis! Das PBM beruht auf drei zentralen Säulen:

  • Vorbehandlung der anämischen Patienten (Eisengabe und andere blutbildende Maßnahmen in den Wochen vor der Operation)
  • Systematische Minimierung von Blutungen und Blutverlusten bei der Operation
  • Erhöhung der Anämietoleranz (z.B. durch Verbesserung des Sauerstofftransports)

Ministerialrat Dr. Johann Kurz vom Bundesministerium für Gesundheit fasst die Bedeutung des Patient Blood Management wie folgt zusammen: "Das Konzept beruht auf einer wissenschaftlich fundierten Datenbasis, bringt dem Patienten nachvollziehbar einen Nutzen und bietet gleichzeitig beträchtliche Einsparungspotentiale."

Der Kostenaspekt von Patient Blood Management

Die Transfusionskosten betragen in Österreich bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr. Dazu gehören die direkten, wie etwa Blut und transfusionsbedingte Leistungen und die indirekten Kosten, z.B. wenn Transfusionen den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. Durch das PBM kann ein großer Teil dieser Kosten eingespart werden, wie Univ.-Prof. Dr. Gombotz betont: "Insgesamt stellt das Transfusionswesen einen wesentlichen und kostenintensiven Bestandteil der modernen Medizin dar. Eine optimale Anwendung dieser Produkte spart Kosten, verbessert den Heilungsverlauf und ist bei dem künftig zu erwartenden steigenden Bedarf von Blutkomponenten auf Grund der demographischen Entwicklung von eminenter Bedeutung." Patienten- und Pflegeanwalt sowie Vorstandsmitglied der Plattform Patientensicherheit Dr. Gerald Bachinger ergänzt: "Ziel muss es sein, dass Fremdblut nur dort verwendet wird, wo es unbedingt notwendig ist und in einem Ausmaß, das unbedingt notwendig ist. Die Benchmarkstudien müssen bundesweit und verpflichtend fortgesetzt werden und das international bewährte Modell des Patient Blood Management ist in allen Krankenanstalten Österreichs umzusetzen"

Fortbildung zu Patient Blood Management

An der Med Uni Graz wird ab dem Wintersemester ein eigener postgradueller Lehrgang für "Patient Blood Management" angeboten. Dieser wird eng mit dem postgraduellen Lehrgang für Patientensicherheit in Wien zusammenarbeiten. Weitere Aus- und Fortbildungen zu diesem Thema werden von den Experten für alle Gesundheitsberufe gefordert.

Über die Plattform Patientensicherheit

Die Plattform Patientensicherheit (ANetPAS) ist ein unabhängiges nationales Netzwerk, das sich aus hochkarätigen Einrichtungen und Experten des österreichischen Gesundheitswesens zusammensetzt, die sich mit Patientensicherheit und Qualitätssicherung beschäftigen. Die Plattform wurde 2008 mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit, Frauen und Jugend am Institut für Ethik und Recht in der Medizin, Universität Wien, errichtet und ist als Collaborating Partner ins europäische Netzwerk EUNetPaS eingebunden. Der Plattform Patientensicherheit, unter der Leitung von Dr. Brigitte Ettl, ärztliche Direktorin am Krankenhaus Hietzing und Dr. Maria Kletecka-Pulker vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin, gehören Experten an, die sich mit Patientensicherheit und Qualitätssicherung beschäftigen.

Weitere Informationen: www.plattformpatientensicherheit.at

Die vollständigen Presseunterlagen finden Sie unter:
http://www.publichealth.at/p-56117.html.

Pressefotos unter: http://www.fotodienst.at/browse.mc?album_id=3467

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Michael Leitner
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