• 06.06.2011, 11:06:54
  • /
  • OTS0080 OTW0080

Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP): Gesundheitsrisiko Parodontitis wird nach wie vor verharmlost

Kitzbühel/Wien (OTS) -

- Parodontitis kann Risiko für Frühgeburt erhöhen
- Hinweise auch auf Zusammenhang zwischen Parodontitis und
Osteoporose

Im Rahmen der 20. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft
für Parodontologie vom 02. bis 04. Juni in Kitzbühel wurde der
thematische Schwerpunkt des wissenschaftlichen Hauptprogramms auf
Parodontitis und Allgemeinmedizin gelegt. Viele Untersuchungen und
Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass Erkrankungen des
Mundraumes oft in engem Zusammenhang mit Erkrankungen des Körpers
stehen. Dass die Zahngesundheit oft auch Hinweise auf den generellen
Gesundheitsstatus geben kann, ist in der Bevölkerung wenig bekannt.
Infektionen oder Entzündungen der Mundhöhle können den
Gesamtorganismus beeinträchtigen, umgekehrt können Systemerkrankungen
zur Entstehung krankhafter parodontaler Veränderungen beitragen.

Parodontitis ist eine komplexe multifaktorielle entzündliche
Erkrankung des Zahnhalteapparates (Parodontium). Hervorgerufen wird
sie durch Bakterien, die sich im so genannten Biofilm, einer
Schleimschicht auf den Zähnen, befinden. Dieser Schleim ist ein
ideales Umfeld für Bakterien und Ausgangspunkt für die Entstehung
einer Parodontitis. Generell stellen alle Entzündungsherde im Körper
ein Gesundheitsrisiko dar, das über die betroffene Stelle hinausgeht.
Während der Zusammenhang zwischen Parodontitis und einem erhöhten
Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes bereits seit langem
bekannt ist, untermauern immer mehr aktuelle Studien die Vermutung,
dass parodontale Infektionen auch das Risiko für eine Früh- bzw.
Fehlgeburt beeinflussen.

Regelmäßige Kontrolle der Zähne und des Zahnfleisches in der
Schwangerschaft besonders wichtig

Privatdozent Dr. Gernot Wimmer, Facharzt für Zahn-, Mund- und
Kieferheilkunde mit Spezialisierung auf Parodontologie und
Vorstandsmitglied der ÖGP, führte die aktuellsten Erkenntnisse zum
Zusammenhang zwischen Parodontitis und Frühgeburtsrisiko an: "Ganz
spezielles Augenmerk erfordern schwangere Patientinnen, da durch die
hormonelle Umstellung ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer
Gingivitis (Zahnfleischentzündung) oder gar einer Parodontitis
besteht, wobei beide Erkrankungen noch während der Schwangerschaft
einer adäquaten Behandlung bedürfen." Durch den veränderten
Hormonspiegel ist das Zahnfleisch in der Schwangerschaft stärker
durchblutet und es kann häufiger zu Zahnfleischbluten oder
Entzündungen kommen. Parodontitis ist ein Entzündungsherd im Körper,
durch den Bakterien und schädliche Entzündungsprodukte in die
Blutbahn und somit in den ganzen Körper geraten - während einer
Schwangerschaft ist somit auch die Plazenta in Kontakt mit diesen
schädlichen Bakterien und Entzündungsfaktoren.

Vordergründigstes Ziel sollte demnach auch die Aufklärung über
mögliche Probleme parodontaler Erkrankungen in Verbindung mit einer
Schwangerschaft und deren Prävention sein. Aus diesem Grunde sollten
alle Frauen, insbesondere solche mit Kinderwunsch, über mögliche
Veränderungen ihrer Gingiva, aber auch mögliche Risken aus einer
parodontalen Erkrankung für den Verlauf ihrer Schwangerschaft
informiert werden. Dies kann während der normalen zahnärztlichen
Routinekontrolle erfolgen, besonders nachhaltig wirksam jedoch im
Rahmen der präventiven professionellen Mundhygienebetreuung. Dies hat
einerseits den Vorteil eine Schwangerschaft mit optimaler
Plaque-Kontrolle zu beginnen, andererseits eine bestehende
parodontale Erkrankung mit all den medizinischen und psychologischen
Konsequenzen vor einer Konzeption zu sanieren.

"Nach heutiger Datenlage kann keine klare Aussage darüber gemacht
werden, ob die Behandlung parodontaler Erkrankungen positive
Auswirkungen auf den Verlauf einer Schwangerschaft insbesondere in
der Vermeidung von Frühgeburten oder Kinder mit reduziertem
Geburtsgewicht hat. Aus den jüngsten Arbeiten geht aber klar hervor,
dass die routinierte, nicht-chirurgische parodontale Therapie im
Sinne der Initialbehandlung mit `deep scaling' (Tiefenreinigung der
Taschen) bei Schwangeren sowohl für Mutter als auch für den Embryo
sicher ist und auch effektiv klinische Zeichen der Parodontitis
beseitigen kann", versichert Dr. Wimmer.

Dies sei wohl die wichtigste Konklusion neuester Erkenntnisse vor
allem in Anbetracht der Problematik, dass viele ZahnärztInnen,
Dentalhygienikerinnen und Prophylaxeassistentinnen Frauen während der
Schwangerschaft aus mangelndem bestehenden Wissen und Angst vor
Fehlern ungern behandeln, so Dr. Wimmer weiter. Gerade weil
Schwangerschaft als ein ungewohnter neuer Zustand des Körpers mit
einer gewissen Unsicherheit und oft auch erhöhter Ängstlichkeit
gegenüber zahnärztlichen Eingriffen einhergehe, sollte man der
Patientin mit Empathie und Fürsorge, aber auch mit entsprechendem
Wissen über die spezifischen Therapiemodalitäten begegnen.

Osteoporose als Risikofaktor für Parodontitis?

Zur Entstehung von Parodontitis herrscht einhelliger Konsens
darüber, dass bestimmte Risikofaktoren die parodontale Gesundheit
beeinflussen können, etwa Nikotinkonsum, Diabetes mellitus,
fortgeschrittenes Alter etc. Ein relativ neuer Aspekt, der derzeit
intensiv erforscht wird, ist der Zusammenhang zwischen Parodontitis
und Knochenerkrankungen. Univ. Doz. DI Dr. Reinhard Gruber von der
Abteilung für Orale Chirurgie an der Bernhard-Gottlieb
Universitätszahnklinik der Medizinischen Universität Wien lieferte
anlässlich der ÖGP-Jahrestagung aktuellste Inputs zum Thema
Osteopathologie bei Parodontitis und Periimplantitis (Entzündung des
Implantat umgebenden Gewebes). "Lokaler Knochenverlust als Folge von
Parodontitis und systemischer Knochenverlust bei Osteoporose sind die
beiden weltweit häufigsten Osteopathien (Knochenerkrankungen). Es
stellt sich die Frage, ob Zusammenhänge zwischen Osteoporose und
Parodontitis bestehen, und ob Osteoporose ein Risikofaktor für das
Auftreten einer Periimplantitis ist", leitete Univ. Doz. DI Dr.
Gruber seinen Vortrag ein.

Es existieren derzeit verschiedene Hypothesen, die für und gegen
einen möglichen Zusammenhang zwischen Parodontitis/Peri-implantitis
und Osteoporose sprechen, so Univ. Doz. DI Dr. Gruber weiter. "Trotz
vieler Jahrzehnte an Forschung, existiert bis dato kein Konsens
darüber, ob Patienten mit Osteoporose ein gesteigertes Risiko für
Verlust von Alveolarknochen und Zähnen haben." Er selbst würde dazu
tendieren, Osteoporose-Patienten aus zahnärztlicher Sicht als
Risikopatienten zu bezeichnen. "Rund ein Drittel der Frauen zwischen
65 und 74 Jahre haben eine schwere Parodontitis - bei dieser
Patientengruppe spielt auch Osteoporose bzw. deren Therapie eine
große Rolle, daher ist eine ganzheitliche Betrachtung durchaus nötig.
Da Zähne und Implantate im Knochen verankert sind und es sich bei
Osteoporose um eine systemische Skeletterkrankung handelt, drängt
sich die Frage von Zusammenhängen naturgemäß auf".

Medikamentöse Therapie von Osteoporose spielt in Zahnheilkunde hinein

In weiterer Folge diskutierte Univ. Doz. DI Dr. Gruber die
Mechanismen der medikamentösen Osteoporosetherapie und deren mögliche
Auswirkungen auf den Zahnhalteapparat. "Es gibt zwar diesbzgl.
relativ wenig Studien, aber wir wissen, dass die Gruppe der
Bisphosphonate starke Einflüsse auf die Zahnheilkunde hat.
Bisphosphonate haben beispielsweise positive Auswirkungen auf die
Parodontitis hinsichtlich der Sondierungstiefe und des so genannten
Blutungsindex." Bei der Notwendigkeit dentaler Implantate laute die
derzeit gültige Empfehlung, dass die lokale Osteoporose in der
Implantologie zu berücksichtigen sei und sich Bisphosphonate und
Zahnimplantate bei einer Osteoporosetherapie nicht gegenseitig
ausschließen.

Für Patienten bedeute dies zusammenfassend, dass systemische
Erkrankungen wie Osteoporose und die Einnahme von Medikamenten dem
Zahnarzt in jedem Fall mitzuteilen sind bzw. vor Beginn einer
Osteoporosetherapie eine Zahnsanierung anzuraten sei, so Univ. Doz.
DI Dr. Gruber.

"Der Zusammenhang zwischen oraler und systemischer Gesundheit ist
stärker als bisher vermutet. Wir sind dazu angehalten, unsere
Patienten über diese Wechselwirkungen und gegenseitigen Einflüsse
aufklären und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt
und Haus- bzw. Facharzt zu forcieren", ergänzte Univ. Doz. Dr. Werner
Lill, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie,
abschließend.

Jahrestagung der ÖGP - Jour-Fix im deutschsprachigen Raum

Die Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für
Parodontologie (ÖGP) ist eine der wichtigsten Fachtagungen für
Parodontologie im deutschsprachigen Raum und mit mehr als 500
Teilnehmern in Österreich die größte Veranstaltung dieser Art - ein
Jour-Fix für ZahnärztInnen und AssistentInnen mit hochkarätigem
wissenschaftlichem Programm und renommierten (inter)nationalen
Referenten. Mit dem neuen Austragungsort Kitzbühel wurde die
ÖGP-Jahrestagung 2011 weiter aufgewertet. Auch in diesem Jahr konnte
die ÖGP mit einem hochkarätigen wissenschaftlichen Hauptprogramm
unter der Leitung von Univ. Prof. DDr. Michael Matejka, Univ. Doz.
Dr. Werner Lill und Dr. Andreas Fuchs-Martschitz aufwarten. Zu den
Schwerpunktthemen der Jahrestagung 2011 zählten Parodontitis und
Allgemeinmedizin.

Über die ÖGP:

Die Österreichische Gesellschaft für Parodontologie hat derzeit
ca. 300 Mitglieder und ist Vollmitglied der European Federation of
Periodontology. Die ÖGP und ihre Mitglieder sind darum bemüht,
Aufklärung, Hilfestellung und optimale Behandlungsmethoden für ihre
Patienten anzubieten. Die ÖGP hat im Jahr 2010 die Initiative "Schau
auf Dein Zahnfleisch!" ins Leben gerufen, um das Bewusstsein für
Zahnfleischerkrankungen nachhaltig zu stärken. Das Bundesministerium
für Gesundheit, die Österreichische Zahnärztekammer, die
Österreichische Ärztekammer und die Ärztekammer für Wien sind
Kooperationspartner. Die Initiative unterstreicht die Wichtigkeit und
Bedeutung der Parodontologie und räumt mit dem weit verbreiteten
Vorurteil auf, dass Parodontitis nicht erfolgreich behandelt werden
kann. Langfristiges Ziel der Initiative ist es, das Bewusstsein für
Zahnfleischerkrankungen und ihre möglichen Folgen in der Bevölkerung
generell zu stärken. Im Jahr 2012 wird die ÖGP in Zusammenarbeit mit
der EFP den weltgrößten Parodontologiekongress, die Europerio7, in
Wien organisieren.

Mehr Infos unter: http://www.oegp.at

Die in diesem Pressetext verwendeten Personen- und
Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in
einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide
Geschlechter bezogen.

Rückfragehinweis:
Welldone GmbH, Werbung und PR
Mag. Elisabeth Kranawetvogel, Mag. Sabine Sommer, Public Relations
Lazarettgasse 19/4. OG, 1090 Wien
Tel.: 01/402 13 41-12 bzw. 40, e-Mail: [email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | WDM

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel