- 03.06.2011, 17:17:49
- /
- OTS0173 OTW0173
Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Sorgen ums liebe Geld"
Ausgabe vom 4. Juni 2011
Wien (OTS) - Die Schuldendebatte um Griechenland, den Euroraum,
aber auch die USA bringt Sparer überall ins Grübeln. Immer mehr
Menschen flüchten in Immobilien, Ackerland- und Gold-Investments.
Alles, nur kein Geld besitzen, so scheint die Devise zu lauten. Der
gemeinsame Schuldenberg der EU und der USA in Höhe von 20.000
Milliarden Euro lässt Befürchtungen durchaus zu, um es vorsichtig zu
formulieren.
Das Problem: In Immobilien und Rohstoffe fließt so viel Geld, dass
sich dort die nächsten Blasen bilden, da die Preise fundamental nicht
zu begründen sind. Wenn diese Blasen platzen, werden viele Anleger
wie Lemminge von der Klippe fallen. Und jede Spekulationsblase platzt
irgendwann einmal.
Die Flucht aus Geld- in Sachwerte lässt sich auch damit erklären,
dass Regierungen diesseits und jenseits des Atlantiks keine Antworten
für die Lösung der Schuldenkrise geben - und im jetzigen System nicht
geben können. Um einen solch immensen Schuldenberg - der 90 Prozent
der gemeinsamen Wirtschaftsleistung von Europa und Amerika ausmacht -
in den Griff zu bekommen, ist viel Zeit notwendig: 20 Jahre,
vielleicht sogar 30.
Zeit, die den Staaten von den Finanzmärkten nicht zur Verfügung
gestellt wird. In 30 Jahren sind die Bankmanager und Händler, die
heute Zinsen für bereitgestelltes Geld verlangen, längst nicht mehr
im Geschäft. Sie wollen jetzt verdienen, nicht in ferner Zukunft. Und
sie wollen - oder dürfen - kein so lange anhaltendes Risiko eingehen.
Es liegt also an den Staaten selbst, die Märkte zu verändern. Deren
Regulatoren müssen mit kurzfristigen Darlehen Schluss machen. Europa
benötigt eine gemeinsame, langfristige Euro-Finanzierung (bisher
regelt sich das jedes der 17 Euro-Länder selbst). Die Europäische
Zentralbank und die US-Notenbank Fed wiederum müssen darauf bei
Refinanzierungen (sprich: beim Gelddrucken) Rücksicht nehmen. Denn
viele Banken kaufen Staatsanleihen und hinterlegen sie bei den
Zentralbanken als Sicherheit für (sehr billige) Kredite, um damit
wieder andere Geschäfte zu tätigen. Dieses System ist gescheitert,
allein schon mit Blick auf die aktuelle Angst vieler Leute um ihr
Geld.
Staaten und Zentralbanken sind gefordert, innovativ zu sein. Zum
ersten Mal müssen sie erfindungsreicher sein als die Banken, die seit
Jahren mit immer neuen Finanzprodukten die Aufsichtsregeln
unterlaufen.
Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
mailto:[email protected]
www.wienerzeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






