• 01.06.2011, 20:02:28
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die letzte Wahrheit über das Mobiltelefon" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 02.06.2011

Graz (OTS) - Es ist seltsam, dass man im Zeitalter komplexester
Wissenschaft auf überschaubare Fragen keine klaren Antworten bekommt.
Die Schädlichkeit der Handystrahlung ist so eine Frage. Hundert
Studien dazu hat ein österreichisches Gremium durchgesehen. In Lyon,
Hamburg und Washington haben Fachleute aus 14 Ländern konferiert.
Ergebnis all der Mühe: Nix Genaues weiß man nicht.

Mobilfunk sei "möglicherweise krebserregend", sagen die
internationalen Experten. Das Handy sei "ungefährlicher als
angenommen", sagt hingegen das heimische Gremium und mahnt zum
"sorgsamen Umgang" mit dem Gerät. Der Laie soll also mit einem
harmlosen Ding sorgsam umgehen, weil es vielleicht gar nicht so
harmlos ist. Möglicherweise.

Die Schädlichkeit der Strahlung mag in Zweifel stehen, die
Schädlichkeit solcher Studienergebnisse liegt klar auf der Hand: Hier
schafft Wissenschaft nicht Wissen, sondern es werden fahrlässig
Glaubenskriege befeuert. Kaum waren die Resultate bekannt, tobte in
den Internetforen schon der Wettkampf der paranoiden Eiferer, die
nicht Argumente austauschen, sondern Argwohn und Generalverdacht. Die
Handy-Gurke hat die spanische Gurke als Menschheitsfeind Nummer eins
in Rekordzeit abgelöst. Morgen kommen dann wieder SARS und Rinderwahn
an die Reihe.

Um hinter manchem dünnen Studienergebnis reale Macht- und
Geschäftsinteressen zu sehen, braucht man indes nicht paranoid zu
sein. Fünf Milliarden Handys gibt es weltweit, und angesichts der
noch immer rasanten Ausbreitung dieser Technik kommt man an einen
Punkt, wo gar nicht sein kann, was nicht sein darf. Wie wollte man im
Ernstfall denn diese Geräte stilllegen, wenn man schon an der
Abschaltung von zwei Dutzend Atomkraftwerken real scheitert? Das
Mobiltelefon ist längst ein Körperteil des Maschinenmenschen, seine
Entfernung gliche einer Amputation.

Der Geist ist also aus der Flasche, und Spielzeuge, die man dem
Menschen gegeben hat, kann man ihm nicht mehr wegnehmen. Wie bei fast
jedem Gerät ist die Gefahrenabwehr keine technische Aufgabe, sondern
eine pädagogische: Vernünftig umgehen müsste man mit dem Glumpert
halt! Das wird ein frommer Wunsch bleiben. Auf öffentlichen Plätzen,
in Cafés und in der Straßenbahn zeigt sich, dass der Mensch
schwatzhaft ist. Die Gefahr nimmt er in Kauf. Man lebt gerne
ungesund, wenn es nur bequem ist. Und die armen, ratlosen
Mobilfunk-Experten? Die hätten halt den Telefonjoker wählen
sollen.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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