- 27.05.2011, 16:02:51
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Aktuelle Sinnkrise: Ist die EU unsere Familie?"
16 Jahre nach dem EU-Beitritt wachsen angesichts des Griechen-Dramas die Zweifel.
Wien (OTS) - In den österreichischen Zeitungen bekommt man dieser
Tage den Eindruck, dass unser wirtschaftliches Wohlergehen
ausschließlich davon abhängt, ob die Griechen pleitegehen. Und die
Bilder aus Athen bestärken dieses Gefühl: Demonstranten, die nicht
daran denken, endlich Steuern zu zahlen, sondern lautstark durch die
Stadt ziehen. Natürlich wollen wir unser Geld nicht in der Ägäis
versenken. Aber die österreichische Volkswirtschaft und das Budget
der Republik stehen vor anderen, viel größeren Herausforderungen als
der Beendigung des griechischen Dramas.
Immer stärker taucht die zutiefst gesellschaftspolitische Frage
auf, ob Österreich alleine oder im Verbund mit anderen kleinen
Staaten stärker wäre als in der Europäischen Union. Und da wird gerne
die Schweiz als leuchtendes Vorbild für gelungenes "small and
beautiful" bezeichnet. Unsere Analyse der Eidgenossenschaft (siehe
Seite 9) zeigt, dass die Schweizer sich mit der EU gut arrangiert
haben. Vieles aus Brüssel übernehmen müssen und ihr wirtschaftlicher
Vorsprung eher kleiner wird. Der Traum mancher Österreicher,
gemeinsam mit den Schweizern eine Art Alpen-Union zu gründen, ist
ohnehin nur ein Hirngespinst.
Also bleibt die Frage, warum sich noch immer viele Österreicher so
schwer damit tun, dass ihr Land in einer größeren europäischen
Gemeinschaft integriert ist. Der frühere Präsident der
Oesterreichischen Nationalbank, Klaus Liebscher, meint im heutigen
KURIER, man könne doch das schwarze Schaf Griechenland nicht einfach
aus der Familie ausschließen. Gut, aber viele Österreicher fühlen
sich dieser Familie Europa nicht zugehörig. Die Mischung aus
Großmannssucht und Besserwisserei weicht oft schnell einem
resignativen Gemütszustand.
Vor allem aber darf uns die Griechenland-Krise nicht darüber
hinwegtäuschen, dass unser Budget viel größere Probleme hat als
möglicherweise ausfallende Kreditraten. Von den aktuellen
Wirtschaftsdaten ist das Land noch gut aufgestellt. Noch. Von den
Strukturen her aber überhaupt nicht. Und auch hier haben wir ein
psychologisches Problem: Das hohe und permanente Wachstum, das die
Nachkriegszeit ausgezeichnet hat, ist vorerst einmal vorbei. Aber
unsere Köpfe und Herzen werden noch immer von der sogenannten
Benya-Formel geprägt, obwohl viele junge Leute nicht einmal mehr
wissen, wer dieser Herr Benya war.
Anton Benya hat als Präsident des Österreichischen
Gewerkschaftsbundes (1963-1987) erfolgreich verlangt, dass die Löhne
jedenfalls um die Inflation und einen ordentlichen Anteil an der
Produktivität erhöht werden. Aber wenn der Kuchen nicht größer wird,
wird um die Verteilung noch heftiger gefeilscht werden.
Hier wird der innenpolitische Streit erst heftig werden.
Vermögenssteuern? Erbschaftssteuer? Steuern senken? Länger arbeiten?
Noch mehr umverteilen? Das sind die Fragen, die hier zu klären sind.
Da hilft uns auch kein böser Blick zu den Griechen.
Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601
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