- 27.05.2011, 12:59:18
- /
- OTS0169 OTW0169
Wien wird Darm-Stadt
Initiative zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) mit Toiletten-Rennen gegen Tabu
Wien (OTS) - Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED)
bedeuten für die Betroffenen neben dem chronischen Durchfall oft
andauernde Schmerzen, Blutungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und eine
Vielzahl an Begleiterkrankungen der Gelenke, Haut und Augen. Niemand
spricht gerne über Krankheiten wie diese, denn sie betreffen den
Intimbereich. Man verschweigt die eigene Erkrankung oft aus Scham. In
Österreich leiden derzeit bis zu 80.000 Menschen an chronisch
entzündlichen Darmerkrankungen. Besonders alarmierend ist die
Tatsache, dass die Patienten mit CED immer jünger werden. Viele
Neuerkrankte sind Kinder oder Jugendliche. Der Leidensweg der
Betroffenen bis zur richtigen Diagnose ist lang. Gezielte Aktionen,
wie der Toilet Race am Wiener Michaelerplatz, sollen die Bevölkerung
auf chronisch entzündliche Darmerkrankungen aufmerksam machen und
darüber aufklären. Denn frühe Diagnose und Therapie sind entscheidend
bei diesen chronisch fortschreitenden Erkrankungen.
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) sind bislang ein
Tabuthema in der österreichischen Gesellschaft. Nur etwa fünf Prozent
der Bevölkerung haben von einer der Krankheiten - Morbus Crohn und
Colitis ulcerosa - schon einmal gehört. Kaum jemand weiß, welchen
Einschnitt die Diagnose CED in das Leben von Betroffenen bedeutet.
Der Präsident der Österreichischen Morbus Crohn Colitis ulcerosa
Vereinigung ÖMCCV, Rudolf Breitenberger, selbst CED-Patient, stellt
eines der grundlegendsten Probleme für Menschen, die an CED leiden,
anschaulich dar: "Sie kennen das Kinderspiel Reise nach Jerusalem?
Alle laufen im Kreis um die Sessel und wenn die Musik plötzlich
aufhört, müssen alle schnell Platz nehmen. Das Lustige daran ist,
dass es immer einen Sessel zu wenig gibt. Derjenige, der nicht
schnell genug ist, hat Pech gehabt. Stellen Sie sich dieses Spiel
jetzt statt der Sessel mit Toiletten vor und alle Teilnehmer müssen
dringend mal. Leider gibt's immer eine Toilette zu wenig. Derjenige,
der nicht schnell genug ist, hat Pech gehabt. Stellen Sie sich vor,
Sie sind derjenige. Finden Sie das lustig? Nein? Ungefähr so fühlt
sich der Alltag von Menschen mit chronisch entzündlichen
Darmerkrankungen tagtäglich an. Die bange Frage, ob man es noch
rechtzeitig bis zur nächsten Toilette schafft, wird zur
lebensbestimmenden Maxime. Jeder Weg, der täglich außer Haus führt,
wird danach ausgerichtet - ob Einkauf, Amtsweg oder Freizeit."
Tabuisierung führt zu sozialer Isolation
Ein weiterer Aspekt ist die starke psychische Belastung durch die
Krankheit: Aufgrund der Tabuisierung des Themas sind weder
Bewusstsein noch Verständnis in der Bevölkerung für chronisch
entzündliche Darmerkrankungen bzw. für daran erkrankte Menschen
vorhanden. Betroffene ziehen sich oft sozial zurück, weil die
ständige Angst, genau dann keine Toilette zu haben, wenn man eine
braucht, auch ganz einfache Dinge, wie auf ein Bier zu gehen, für sie
unmöglich macht. Viele hindert die Erkrankung daran, eine intime
Beziehung einzugehen. Die Unwissenheit über CED ist für viele
Betroffene eine Belastung im Umgang mit Kollegen im Berufsalltag.
Menschen mit CED sind oft Mobbing am Arbeitsplatz ausgesetzt, weil
sie nicht den Mut finden, mit Vorgesetzten und Kollegen über ihre
Erkrankung zu sprechen oder zu erklären, warum sie 20 Mal am Tag auf
die Toilette müssen und eine Besprechung plötzlich verlassen. Die
Folge: Fast die Hälfte aller Betroffenen im erwerbsfähigen Alter muss
wegen ihrer Erkrankung den Job aufgeben oder hat ihren Arbeitsplatz
deshalb verloren. Dr. Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung
Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich, betont
die Wichtigkeit, Menschen mit CED im Erwerbsleben zu halten: "Für die
Betroffenen ist es enorm wichtig, durch ihre Arbeit in die
Gesellschaft eingebunden zu bleiben, um nicht in soziale Isolation zu
geraten. Morbus Crohn und Colitis ulcerosa treten meist im Alter
zwischen 20 und 30 Jahren zum ersten Mal auf. Ein Verlust von solchen
Arbeitskräften, die ihr ganzes Erwerbsleben eigentlich noch vor sich
haben, ist weder für die Betroffenen noch für die Arbeitgeber unseres
Landes wünschenswert. Hier arbeitet die WKÖ an
Wiedereingliederungshilfen für Arbeitnehmer nach einem
Krankheitsschub und an der Möglichkeit von Teilarbeitsfähigkeit bei
chronischen Krankheiten."
Rasche Diagnose ist Voraussetzung für effektive Therapie
Die Probleme, mit denen Menschen mit chronisch entzündlichen
Darmerkrankungen konfrontiert sind, beginnen aber bereits mit der
Diagnose. In Österreich vergehen im Schnitt drei bis fünf Jahre, bis
die häufigsten Vertreter dieser Krankheitsgruppe - Morbus Crohn und
Colitis ulcerosa - diagnostiziert werden. Ursachen für diese
Verzögerungen bei der Diagnosestellung sind oft mangelndes Wissen
oder Verharmlosung der Symptomatik. Das führt zu unzureichender
medizinischer Versorgung der Patienten und zur Anwendung
nebenwirkungsreicher und zugleich ineffizienter Medikamente - und das
oft über Jahre. Doch gerade eine rasche Diagnose ist die
Voraussetzung, dass eine Therapie aussichtsreich und langfristig
erfolgreich ist. A.o. Univ.-Prof. Dr. Walter Reinisch, Facharzt für
Innere Medizin an der Medizinischen Universität Wien und Leiter der
Arbeitsgruppe CED der Österreichischen Gesellschaft für
Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) dazu: "Eines unserer Ziele
ist, die Dauer vom Erstsymptom bis zur Diagnosestellung von CED
deutlich zu verkürzen, damit Patienten frühzeitig von einer
effektiven Therapie profitieren. Je früher die richtige Diagnose
gestellt und mit einer entsprechenden Therapie begonnen wird, desto
eher ist es möglich, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen
und unangenehme Begleiterscheinungen sowie Komplikationen wie Fisteln
oder Darmverlust zu verhindern." Für CED gibt es noch keine Heilung,
aber aussichtsreiche Therapieoptionen. Die derzeit innovativste
Medikamentenklasse zur Behandlung von CED sind Biologika, die den
Vorteil haben, das Fortschreiten der Krankheit zu stoppen oder
zumindest hintanhalten zu können. Patienten mit Risiko für einen
schwergradigen Verlauf brauchen diese besonders.
Zu wenige Spezialisten
Um Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen optimal
versorgen zu können, braucht man eigene Zentren, in denen
Spezialisten verschiedener Fachrichtungen eng zusammenarbeiten. In
Österreich existieren aber viel zu wenige spezialisierte
Einrichtungen für die aktuell rund 80.000 CED-Patienten. Aufgrund der
mangelnden Infrastruktur sind nur 15 bis 20% der Betroffenen in
spezialisierter Behandlung. Der größte Teil der Patienten wird im
niedergelassenen Bereich betreut. Neben der Infrastruktur fehlt es
auch an Spezialisten, Ausbildungsangeboten sowie an medizinischem
Nachwuchs. Eine flächendeckende optimale Versorgung chronisch
entzündlicher Darmerkrankungen, die erhebliches Fachwissen
voraussetzt, ist in Österreich damit nicht gewährleistet.
Neue Initiative darm+
Um in Zukunft eine adäquate CED-Betreuung der Bevölkerung in ganz
Österreich zu sichern, haben die Österreichische Morbus Crohn-Colitis
ulcerosa Vereinigung ÖMCCV gemeinsam mit der Österreichischen
Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie ÖGGH die
Initiative "darm+ CED Initiative Österreich" gegründet. Ziele der
Initiative sind Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit zu betreiben,
um der Tabuisierung von CED entgegenzuwirken, Initiativen zu setzen,
um die Versorgung gemeinsam mit den Partnern im Gesundheitswesen auf
ein Optimum zu bringen, strukturelle Maßnahmen zu etablieren, um die
Patienten möglichst wohnortnahe rasch zu diagnostizieren und zu
therapieren sowie Ursachenforschung zu betreiben und die dafür
notwendigen finanziellen Mittel zu lukrieren. Dabei gilt es
insbesondere den Spitalsbereich und niedergelassene Ärzte in die
Patientenbetreuung einzubeziehen. Dr. Günther Wawrowsky, Facharzt für
Innere Medizin, Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte und
Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer zur neuen Initiative
darm+: "Jede gemeinsame Anstrengung, die zu einer Verbesserung der
derzeitigen mangelhaften Versorgungslage bei CED führt, ist hoch
willkommen. Als Ärztekammer sind wir in intensiven Gesprächen mit dem
Ministerium, um eine sechsjährige Ausbildung zum Allgemeinmediziner
zu entwickeln, wie sie europaweit üblich ist. Das wären nachhaltige
und zielführende Schritte, durch die man das Problem der langwierigen
Diagnose bei CED auf Dauer wahrscheinlich gut in den Griff bekommen
würde."
Auf fahrbaren Toiletten das Tabu brechen
Eine konkrete Maßnahme zur Aufklärung der Bevölkerung über
chronisch entzündliche Darmerkrankungen ist das erste Wiener Charity
Toilet Race, das am heutigen Tag am Michaelerplatz stattfindet.
Prominente und Betroffene nehmen an einem Charity Rennen auf
fahrbaren Toiletten teil, um abseits der sozialen, wissenschaftlichen
und politischen Diskussion auf das Thema aufmerksam zu machen. MR Dr.
Magdalena Arrouas, Leiterin der Abteilung III/2 Nicht übertragbare
Erkrankungen, psychische Gesundheit und Altersmedizin vom
Bundesministerium für Gesundheit dazu: "Das Bundesministerium für
Gesundheit begrüßt jede Initiative, die geeignet ist, zur Aufklärung
über das Thema chronisch entzündliche Darmerkrankungen in der
Bevölkerung beizutragen und den Leidensdruck der Betroffenen dadurch
zu verringern. Hier wird es notwendig sein, in konzertierten Aktionen
dieses Thema über eine gewisse Dauer zu kommunizieren."
Die in diesem Pressetext verwendeten Personen- und
Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in
einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide
Geschlechter bezogen.
Rückfragehinweis:
Public Health PR
Thomas Braunstorfer
Tel.: 01/60 20 530-91
Mail: [email protected]
Web: www.publichealth.at
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PHP






