• 20.05.2011, 16:33:29
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Armageddon? Aber nein..."

Ausgabe vom 21. Mai 2011

Wien (OTS) - Es gibt den alten jüdischen Witz, in dem ein
reisender Kaufmann seinem Kompagnon kabelt: "Beginn' dich zu
fürchten, Details folgen." So könnte derzeit die Situation in der
internationalen Finanzpolitik beschrieben werden. 14.300 Milliarden
Dollar Schulden der USA, manche Bundesstaaten knapp an der Pleite.
Japan rutscht tiefer in die Rezession als erwartet. Die EU-Länder
haben 10.000 Milliarden Euro Schulden angehäuft, und zwischen der
Europäischen Zentralbank und den EU-Regierungen ist ein Streit
entbrannt, wie es mit Griechenland weitergehen soll. Ein
Schuldennachlass würde die griechischen Banken pleitegehen lassen, es
darf davon ausgegangen werden, dass irische und portugiesische folgen
würden. Deutschland und Frankreich müssten dann ihrerseits ihre
Banken mit hohen Summen retten.

Kommt nun also das finanzpolitische Armageddon? Tatsache ist, dass
niemand - weder in der EZB in Frankfurt noch in Brüssel oder den
EU-Hauptstädten - weiß, wie es weitergeht. Wenn die Finanzmärkte die
für Juni geplanten Beschlüsse zu Griechenland nicht glauben, wird es
eng.

Außer Europa entschließt sich, den französischen Plan vom Vorjahr,
eine echte Wirtschaftsregierung zu errichten und die Finanzierung der
Staatsschulden in eine gemeinsame EU-Institution zu legen - und die
nationalen Finanzierungsagenturen zur Seite zu räumen. Das ist nicht
zu erwarten, einen so großen Schritt in Richtung Integration werden
die EU-Regierungschefs nicht zulassen. Sie weigerten sich schon
bisher, allen voran Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel. Sie hat
europapolitisch keine Vision, in der aktuellen Misere eine
Katastrophe.

Ob es gelingt, Griechenland vom Druck der Finanzmärkte zu befreien,
steht daher in den Sternen. Ein neues Sanierungsprogramm und weitere
25 Milliarden Euro würden dem Land eine Atempause bis Ende 2012
verschaffen. Bis dahin müssten sich Athens Zahlen aber deutlich
verbessert haben, dann könnte sich Europa weiterhanteln.

Gelingt dies nicht, dann bleibt noch, auf einen aktuellen Trend bei
hochbezahlten Managern aufzuspringen: Sie kaufen sich mittlerweile
weniger Aktien als vielmehr Acker und Bauernhäuser, um sich im
Ernstfall selbst versorgen zu können. Die Millionen, die sich dies
nicht leisten können, dürfen demonstrieren. Fazit: Lustig wird es
nicht, selbst wenn Österreich kurioserweise heuer sein Wachstum von
2007 noch übertreffen könnte.

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