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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Schuldig in New York"
Ausgabe vom 20. Mai 2011
Wien (OTS) - Sie haben etwas Albtraumhaftes, Archaisches, diese
wenigen Bilder, die von dem inhaftierten Dominique Strauss-Kahn im
Äther kursieren. Der Mann war noch unmittelbar zuvor einer der
wirklich Mächtigen dieser Welt - und von einem Augenblick auf den
anderen gerät der mittlerweile zurückgetretene Chef des Währungsfonds
in die Mühlen einer höheren Gewalt.
DSK wirkt binnen weniger Tage um Jahre gealtert, seine ganze
Erscheinung heruntergekommen - ein Star auf dem Weg zum
Schwerverbrecher. Ein Stoff für Kafka, zumindest wenn man für den
Moment die - zugegeben zentrale, alles entscheidende Frage - von
Schuld und Unschuld beiseite lässt.
Für gelernte Europäer wirkt diese Unerbittlichkeit von Justiz und
Polizei in den Vereinigten Staaten verstörend. Wer jemals dort mit
der Polizei zu tun gehabt hat, merkt sehr schnell, dass es da nichts
zu bereden gibt. Auch bei wesentlich kleineren Vergehen gibt es kein
Heraus- und Herumschwindeln, wird keine Rücksicht auf die Würde des
Verdächtigen genommen.
Schon gar nicht in New York. Die Stadt hat den Kampf gegen Verbrecher
in den letzten Jahren zu ihrem Markenzeichen gemacht. Und
Verbrecherjagd ist in den USA eine eminent politische Sache.
Strauss-Kahn ist ein potenzieller Täter, den zur Strecke zu bringen
sich politisch lohnt. Nicht im Sinne einer großangelegten
Verschwörungstheorie, wie sie viele nun in Frankreich spinnen,
sondern im viel Kleineren, Lokalpolitischen.
Die Unschuldsvermutung ist in den USA eine abstrakte juristische
Idee, im Hier und Heute zählt allein die Möglichkeit der im Raum
stehenden Verdächtigungen. Das vermeintliche Opfer, nicht der
angeklagte Täter, hat die höhere Glaubwürdigkeit. In Österreich, in
weiten Teilen Europas ist es umgekehrt.
In diesem transatlantischen kulturellen Clash liegen die Gründe für
den Schockzustand, der Frankreich nach der Verhaftung und Vorführung
seines Star-Politikers erfasst hat. Bis ein europäischer Politiker in
Handschellen abgeführt wird, muss viel passieren, sehr viel sogar.
Und selbst dann lassen sich immer noch Mittel und Wege finden, der
angeklagten Prominenz Reste ihres öffentlichen Ansehens zu bewahren.
In den USA dagegen bekommen Anklagen gegen Mächtige wieder ein wenig
von dem zurück, was ihnen historisch stets zu eigen war: die
Schaulust der Untertanen auch optisch zu befriedigen.
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