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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Das Wörtchen 'zu'"

Ausgabe vom 18. Mai 2011

Wien (OTS) - Karl-Heinz Grasser las aus einem Brief, in dem eine
Anhängerin ihn als zu schön, zu erfolgreich bezeichnet haben soll.
Andreas Treichl las den Politikern die Leviten, sie seien zu blöd, zu
feig. Beim Wörtchen "zu" handelt es sich um eine modale Präposition,
sie beschreibt die Art und Weise des - in diesem Fall - folgenden
Adjektivs (blöd und feig).

Dabei hat Treichl eigentlich recht, wenn auch nicht in seinem Sinn.
Als 2009 das Staatskapital floss, davon zirka zwei Milliarden Euro in
die Erste Bank, erfand die Nationalbank das "Partizipationskapital",
weil die Politik zu feig war, dem helfenden Kapital auch einen
ordentlichen Namen zu geben: Stammaktien. Denn die Erste-Aktie war
damals - im Gefolge der Finanzkrise und der Diskussion um Osteuropa -
zu tief gesunken, sie kostete 7 Euro. Eine Kapitalspritze in Form von
Stammaktien hätte dazu geführt, dass der Staat die Mehrheit an der
Erste Gruppe erhalten hätte. Auch damit wären die Banken-Chefs damals
nicht wirklich einverstanden gewesen. Für die Republik wäre dies ein
tolles Geschäft geworden. Die Aktie notiert heute bei über 33 Euro,
das Kapital hätte sich in zwei Jahren fast verfünffacht. Mit dem
"Privatisierungsgewinn" der Erste Bank hätte sich die Staatsschuld
(derzeit 74 Prozent der Wirtschaftsleistung) um volle drei
Prozentpunkte senken lassen.

Treichl meinte das in seinem Vortrag nicht, aber es beweist, dass er
irgendwie recht hat: Politiker sind bei Entscheidungen oftmals zu
inkonsequent.

Nun wird Treichl mit dem neuen ÖVP-Obmann Michael Spindelegger ein
Gespräch führen; es ist zu vermuten, dass es zu harmonisch verlaufen
wird. Der Satz Treichls zeigte aber auch eins: Viele Banker sind sich
immer noch zu sicher, dass ihnen beziehungsweise ihren Häusern
ohnehin nichts passieren kann. Sie sind zu wichtig für die
Finanzierung der sogenannten Realwirtschaft. Das Desaster nach der
Lehman-Pleite gibt ihnen recht. Wenn Banken aber schon einen
besonderen Schutz genießen, dann muss der Umkehrschluss lauten:
Banken haben eine besondere Verantwortung. Wenn diese Verantwortung
lautet, dass sie Kredite nun mit mehr Eigenmitteln unterlegen müssen,
um besser gegen Ausfälle gewappnet zu sein, dann müssen sie das tun.
Es wäre also angesagt - statt Kredite zu verteuern -, den Aktionären
klarzumachen, dass die Zeit extrem hoher Renditen vorbei ist - wenn
sie nicht bei der nächsten Krise verstaatlicht werden wollen. Von
Politikern, die sich Treichls Satz zu sehr zu Herzen genommen haben.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel

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